„Literatour Nord“: Abbas Khider in Bremen

Ein Liebesbrief auf Reisen

Der 1973 in Bagdad geborene Abbas Khider. ·
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Der 1973 in Bagdad geborene Abbas Khider. ·

Bremen - Von Jens LaloireWenn über die Flüchtlinge aus Afrika oder den Nahen Osten gesprochen wird, dann geht es dabei vor allem um Zahlen. Fast vergessen scheint, dass sich dahinter Einzelschicksale verbergen – Menschen mit Träumen, Talenten und Berufen. Wir wissen nicht, wie viele Handwerker, Mediziner, Lehrer oder Künstler auf ihrer Flucht statt eines besseren Lebens den Tod fanden.

Einer, der nach knapp vierjähriger Odyssee als illegaler Flüchtling schließlich Deutschland erreicht hat, ist Abbas Khider. Der 1973 in Bagdad Geborene ist 1996 aufgrund „politischer Gründe“ im Irak verurteilt worden, hat dort zwei Jahre im Gefängnis gesessen, bevor ihm die Flucht gelang. Inzwischen lebt er seit über zwölf Jahren in Deutschland und hat sich als Schriftsteller etabliert. Sein Debüt „Der falsche Inder“ (2008) wurde mehrfach ausgezeichnet, sein Folgeroman „Die Orangen des Präsidenten“ (2011) vom Feuilleton gelobt. Mit „Brief in die Auberginenrepublik“ legt Khider nun seinen dritten Roman vor. Für diese drei Bücher wurde er kürzlich mit dem Nelly-Sachs-Preis und mit dem Hilde-Domin-Preis prämiert.

Nun geht Khider mit seinem neuen Werk ins Rennen um den mit 15 000 Euro dotierten Preis der „Literatour Nord“. Er ist damit einer von sechs Romanciers, die auf einer jeweils einwöchigen Lesereise ihr aktuelles Buch präsentieren, bevor der Preis im Frühjahr kommenden Jahres vergeben wird.

Mit zwei Lesungen in Oldenburg und Bremen machte Khider am Sonntag den Auftakt. In seinem Episodenroman „Brief in die Auberginenrepublik“ lässt er einen Liebesbrief durch die arabische Welt des Jahres 1999 reisen. Auf die Reise geschickt wird der Brief zu Beginn des Buches in Bengasi vom ehemaligen Studenten Salim, der sich seit zwei Jahren als Bauarbeiter im libyschen Exil durchschlägt. Wegen des Lesens verbotener Bücher hatte er Hals über Kopf seine irakische Heimat verlassen müssen und sich dabei nicht einmal von seiner Geliebten Samia verabschieden können. Zwei Jahre hören sie nichts voneinander. Dann bietet sich Salim endlich die Option, Samia ein Lebenszeichen zukommen zu lassen – und zwar geheim mittels eines Netzwerks illegaler Briefboten.

Kampf gegen

Unterdrückung

Auf dem Weg nach Bagdad wandert das Schreiben durch die Hände mehrerer Personen. Von diesen erzählt Khider in sieben Episoden und gibt Einblicke in verschiedene Lebensgeschichten. Im Mittelpunkt stehen Familien, die Armut, politischer Unterdrückung, Vetternwirtschaft und Willkür ausgesetzt sind, die sich mit den Umständen zu arrangieren versuchen, um zu überleben. Doch Khider erzählt nicht nur die Geschichten der Opfer, sondern auch der Profiteure.

Im Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Gert Sautermeister berichtete der Autor im Bremer Café Ambiente von seinen Erfahrungen im Irak, im Gefängnis und im europäischen Exil. Diese Berichte verdeutlichten, dass die individuelle Geschichte jedes einzelnen Flüchtlings nicht übersehen werden sollte. Morgen liest Abbas Khider in Lüneburg, am Donnerstag in Hannover.

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