Peter Stamm verfolgt in dem Roman „Sieben Jahre“ Architekturen von Nähe und die Fremdheit unter einem Dach

Liebe zwischen Entwurf, Glaube und Gewissheit

Kreiszeitung Syke

Von Rainer BeßlingSYKE (Eig. Ber.) · Sonja baut nicht nur Häuser, die Menschen gut tun sollen. Sie bereichert auch jeden Raum mit ihrer Präsenz. Auch Alex bewundert ihre Schönheit. So beginnt Peter Stamms Roman „Sieben Jahre“, ein Meisterwerk analytischer Erzählkunst, das ohne äußere Dramatik Turbulenzen und Rätsel der Liebe verhandelt.

Wie ein Kunstwerk, nicht zufällig inmitten einer Galerie, lernt der Leser Sonja kennen. Anziehend und abwesend zugleich, und so sind wir schon nach acht Zeilen im Zentrum des Problems.

Sonja und Alex sind Architekten. Sie lernen sich im Studium kennen. Über einen gemeinsamen Freund. Sonja verehrt Le Corbusier und will um den modernen Menschen, dem das Tor in eine bessere Zukunft vermeintlich weit offen steht, Aufklärung und Klarheit befeuernde Hüllen bauen. Alex fühlt sich eher dem Vergangenen und Aldo Rossi verbunden, gar nicht mal wegen der Bauten, sondern wegen dessen „Polemik gegen die Moderne“ und der „Melancholie, die vielleicht nichts anderes war als Feigheit“.

Sind es auch Weltschmerz, der Blick zurück oder Unentschlossenheit, die Alex auf einen Weg bringen, an dessen Ende die Katastrophe wartet, einen Weg, auf dem er nie als Handelnder bei sich ankommt, sondern auf dem er sich selbst immer wieder als Getriebenem und Trudelndem begegnet?

Als solcher muss er sich fühlen, nachdem er der Polin Iwona begegnet ist und magisch von ihr angezogen wird. Iwona lebt illegal in München, ist auf bigotte Weise gläubig und im Vergleich zu Sonja eine graue Maus. Sie wehrt sich anfangs gegen die körperlichen Forderungen des vor Erregung fiebernden Alex. Aber sie teilt ihm ihre Liebe mit, bestimmt, trotzig, unverrückbar. Eine der vielen Fragen, die Stamm dem Leser zur Begutachtung seiner eigenen Wirklichkeit aufgibt: Wer bestimmt einen Menschen mehr: der, der ihn liebt, oder der, den er liebt?

Sonja und Alex kommen sich näher, heiraten, gründen und führen anfangs erfolgreich ein Unternehmen. Eine Bilderbuch-Ehe zweier füreinander Bestimmter? So die Fassade. Liebe aber lässt sich offenbar weder entwerfen noch bauen. Wo liegt der Konstruktionsfehler, wird sich der Leser am Ende fragen, mangelte es am richtigen Fundament?

Sonja erfüllt mit ihrer Erscheinung und ihrer Klugheit höchste ästhetische und intellektuelle Ansprüche. Kommt ihr Mann ihr näher, verfliegen Glanz und Sicherheit, verwandelt sich die einnehmende Präsenz in Fluchtposen. Ganz anders erlebt Alex Iwona. Selbst wenn sie krank ist, gealtert und aufgeschwemmt wirkt im Dunkel ihrer ärmlichen Behausung, lässt Alex sich in ihre selbstverständliche Liebe fallen, verlangt er nach ihrem Körper. Nicht im Glanz von Sonjas Schönheit und im beruflichen Erfolg fühlt er sich zu Hause, „erwachsen, verantwortlich und frei“ empfindet er sich in der verschämten Höhle der Geliebten. Ist Iwona nicht auch authentischer in ihrer Liebesgewissheit als die kalkulierende Sonja?

Während Sonja und Alex der Kinderwunsch zur Komplettierung der Ehekonstrukts trotz zäher Familienplanung nicht erfüllt wird, bringt Iwona ein Kind zur Welt. Alex gesteht. Verständig und klug wie sie ist, nimmt Sonja das Kind auf. Weiter geht es mit dem Bau des Gebäudes. Das Ehepaar scheint sogar näher zusammenzurücken, und nicht innere Zerrüttung, sondern wirtschaftliche Not verursacht erste Risse.

Der Zusammenbruch des äußeren Rahmens wirft das Paar auf sich selbst zurück. Nicht die Zeit hat an der Ehe genagt, diese Beziehung war von Beginn an der Versuch einer Angleichung an Entwürfe und damit eine einzige Selbsttäuschung. Die Zeit hat eher die Abwehr gegen diese Einsicht geschwächt.

Stamm ergreift für keinen seiner Protagonisten Partei. Der Ton bleibt immer gemessen, bilanziert wird lakonisch. Der Autor erhebt sich in seinen Rückblenden nicht allwissend über die Chronologie der Ereignisse, sondern zeigt Handelnde in ihrer Zeit, mit ihren Hoffnungen und ihrem Persönlichkeitsgepäck, in ihren Entscheidungen und Ausweichmanövern: verschiedene Liebesentwürfe in zufälliger Konstellation, Liebe als Erfüllung oder als Erschrecken vor dem eigenen Ich.

Peter Stamm: Sieben Jahre. Roman. Frankfurt/Main. Fischer Verlag, 2009. 298 Seiten. 18,95 Euro.

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