Nur die Liebe zählt

Staatsoper Hamburg zeigt „Lessons in Love and Violence“

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Überzeugend: Hannah Sawle, Gyula Orendt, Andri Björn Róbertsson.

Hamburg - Von Michael Pitz-grewenig. Die Menschen könnten besser sein – sie sind es aber oft nicht. Sie könnten es sein, wenn sie ihre Masken ablegen würden, wenn sie so sein könnten, wie sie sein wollen. King Eduard II (1284 bis 1327), politisch ziemlich unfähig, dafür freiheitsliebend, homosexuell, hat seine Offenheit erbärmlich büßen müssen. Die gedemütigte Gemahlin Isabella und ihr Geliebter Mortimer übernehmen nach politischen Wirren die Regierungsgeschäfte. Eduard wird hingerichtet, dem Mythos nach soll er übrigens mit einer glühenden Eisenstange gepfählt worden sein.

Sein Sohn, der spätere Edward III, rächt sich. Die Mutter wird verstoßen, Mortimer hingerichtet, in der Oper „Lessons in Love and Violence“, die am Wochenende in Hamburg Premiere feierte, wird ihm der Name des Verbrechens in die Brust geritzt.

Ein ausgezeichneter Stoff für Christopher Marlowes düsteres Drama „Die unselige Herrschaft und der klägliche Tod König Eduards II“ aus dem Jahr 1592, wobei der zeitliche Abstand groß genug war, um keine direkten Anspielungen auf aktuelle Figuren oder Vorgänge zu riskieren, aber noch so nah, dass für aufmerksame Beobachter Parallelen erkennbar waren. Bertolt Brecht bearbeitete den Stoff ebenfalls, ferner gibt es eine interessante Filmversion aus dem Jahr 1991 von Derek Jarman mit der großartigen Tilda Swinton als Isabella, die derzeit in Hamburg ebenfalls zu sehen ist.

George Benjamin und sein Librettist Martin Crimp formten aus dem Drama Marlowes „Lessons in Love and Violence“, eine Oper in sieben Bildern. Eine Koproduktion mehrerer internationaler Opernhäuser, die vor einem Jahr an der Londoner Covent-Garden-Oper uraufgeführt wurde.

Es ist nicht die Homosexualität von Edward II, der für seine Liebe zu seinem Günstling Gaveston Familie und politische Geschäfte vergisst, die im Zentrum steht, sondern – so platt das klingen mag – die Liebe. Die Melange aus Macht, Eifersucht, Verrat und Sex ist letztendlich nicht wichtig. Es geht um einen Mann, der aus und an der Liebe stirbt. Das Handeln der Figuren wiegt wenig, die seelischen Kräfte umso mehr. Die Homosexualität wird bedeutungslos: Liebe ist Liebe. Politisches wird nur nebenbei gestreift, etwa die Verelendung der Gesellschaft.

Benjamin findet dazu eine gemäßigte Tonsprache, fernab jeglicher Experimente. Aber er schafft präzise Klanggesten, die die Handlung eindrucksvoll kommentieren und kontrapunktieren, im Prinzip eine Art gehobenes „Mickey Mousing“. Katie Mitchell inszenierte schon die Uraufführung am Royal Opera House Covent Garden, die jetzt in Hamburg übernommen wurde. Sie rückt den unerbittlichen Lauf des Schicksals ins Zentrum. Und weil bei diesem König das Öffentliche vom Privaten nicht zu trennen ist, spielt die Handlung im königlichen Schlafzimmer. Bühnenbildnerin Vicki Mortimer hatte die kluge Idee, analog zum Aufbau der Oper sieben verschiedene Perspektiven des gleichen Ortes zu entwickeln.

Eine Lektion in Sachen Gewalt: Ocean Barrington-Cook, Peter Hoare und Mitglieder des Ensembles. 

Georgia Jarman in der Rolle der Isabel wirkt einheitlich. Ihre Stimme hat die seltene Gabe, auch über ein tragfähiges Piano zu verfügen, das weit mehr ist als ein lediglich volumenreduziertes Mezzoforte. Und in diesen Passagen ist sie äußerst ausdrucksstark und rollengerecht. Musikalisch ist der Bassbariton Evan Hughes als King eine ideale Besetzung. Seine Stimme verfügt über einen subtilen metallischen Glanz, was der Mittellage jedoch nichts an Farbigkeit nimmt. Die Höhensicherheit ist beachtlich. Peter Hoare liefert einen subtilen Mortimer ab, dessen Tenor der Rolle in allen Facetten gewachsen ist. Überzeugend daneben Samuel Boden als Young King.

Auch das restliche Gesangspersonal macht einen guten Eindruck, was der Inszenierung vokale Geschlossenheit gibt. Kent Nagano und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg bezaubern in hohem Maße, trotz einiger kleinerer Unsauberkeiten. Naganos Dirigat ist wie so oft von ausgesprochener Zurückhaltung und Transparenz. Das ist sehr sängerfreundlich, führt aber auch dazu, dass die Hauptrolle des Orchesters als unverzichtbarer Kommentator der Bühnenhandlung flexibel agieren kann.

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