Liebe, Sex und Sippenhaft 

Leonie Böhm inszeniert „Fuck Identity – Love Romeo“ am Theater Bremen

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„Fuck Identity – Love Romeo“ nimmt das Spielen tatsächlich beim Wort. 

Bremen - Wie die da knutschen, so richtig mit Sabberfaden von Lippe zu Lippe – das ist wirklich supersüß. Weil da eine Zärtlichkeit ans Licht kommt, die man diesen beiden Julias nicht mehr zugetraut hätte. Die erste halbe Stunde von „Fuck Identitity – Love Romeo“ hatten die beiden im Pool gelegen und sich mit einer Derbheit über ihre Popos und die Rasur ihrer Beine unterhalten, die Shakespeare zumindest bei Männern noch kannte, die im heutigen Zeitalter der Post-Schicklichkeit aber doch überrascht.

Klar geht es in Leonie Böhms sehr freier „Romeo und Julia“-Inszenierung auch um Genderfragen. Aber nicht nur. Böhm und ihre vier Performer schlagen wüst in so ziemlich jedes identitätpolitische Angebot: Frau-Sein, Deutsch-Sein, oder Schauspieler – Capulet oder Montague. Alles wird mit Lust abgepult und aufgehoben, der Mensch herausgeschält aus der Sippenhaft und freigemacht für die Liebe und das Leben. Es steckt zwar nicht viel Shakespeare in dieser Performance, aber der berühmte und schönste aller Sätze, der kommt natürlich: „Nenn Liebster mich, so bin ich neu getauft.“ Hachja!

Sehr rührend ist das, und natürlich total aktuell. Und beinahe wäre es richtig schief gegangen, gerade weil die Debatte zwar tobt, aber im Grunde nicht mehr viel zu holen ist. Es ist ja alles gesagt: Täglich machen irgendwo rechte oder linke Identitäre vor, wie denk- und gesprächsunfähig wird, wer das Schmoren im eigenen Saft als Stärke begreift. Und dass auch vernünftige Positionen, wie das Theater hier ganz offenkundig eine einnehmen möchte, sich üblicherweise im Beißreflex ergehen, macht das alles nicht viel besser.

„Fuck Identitity – Love Romeo“ ist anders, weil es das Spielen tatsächlich beim Wort nimmt. Ein bisschen großkotzig ist das erklärte Anliegen ja, „Romeo und Julia“ auf „ihre Spieltauglichkeit hin“ zu befragen. Es ist aber ihr Ernst. Das Geblödel auf der Bühne, das Popowackeln, die ständigen Sprünge ins Publikum, die Akkrobatiknummern, der Slaptstick – das sind bei aller Kurzweil wirklich Grenzerfahrungen auf einer sehr subtilen Ebene.

Unverklemmt im Pool

Zum Beispiel diese endlose Poolszene: Da reiben Annemaaike Bakker und Sophie Krauss sich sehr unverklemmt, aber grenzbewusst aneinander, probieren sich aus, während sie eine betont gespielte Abgebrühtheit vor sich hertragen. Sie reden und reden: über das Publikum, über Affären mit dem Bühnentechniker und wieso junge Paare zusammen Ski fahren. Weil sie dann vor dem Berg mehr Angst haben können als vor dem jeweils anderen. Ob hier Julia mit sich selbst planscht, zwei Romeos oder doch das vollständige Traumpaar in rein weiblicher Besetzung? Keine Ahnung. Ist aber auch egal. Ob das nun improvisiert ist oder eingespielt: Die Kontrolle über die Handlung liegt offensichtlich in den Händen der Akteure. Die exerzieren eine Selbstbefragung durch, die erst auf der Metaebene richtige Schärfe gewinnt. Annemaaike Bakker macht irgendwann vor, wie sie auf Kommando weinen kann und da bekommt man so eine Idee davon, was das hier eigentlich alles soll. Sind Theatertränen vielleicht echter als echte? Und warum fühlt sich so anders an, wenn man dazu sagt, dass es ein Trick ist? Das Authentische ist hier nicht länger im Bündnis mit der Identität, sondern drängt sich sogar als ihr Gegenmodell auf.

Achso, die Männer waren auch nicht schlecht: Justus Ritter höchst akrobatisch und von brutal-komischer Selbstaufgabe. Vincent Basse ist auch toll – nicht nur, aber auch wie er selbst die romantische Shakespeareübertragung übersetzt: „Toll wie bekloppt“. Überragend aber sind die langen Momente von Bakkers zerbrechlich-roher Herzlichkeit und Krauss mit ihrem Changieren zwischen „Mein Mädel!“-Geprolle und tief sensiblen Einlassungen.

Irgendwie sind sie alle Romeos und Julias, oder halt irgendwelche Durchschnittsteenies. Die müssen sich ja auch ständig fragen, wer sie so sind. Und dass praktisch jede erste Liebe nach dem Muster „Romeo und Julia“ aufgebaut ist, weiß man auch. Es geht immer um Leben oder Tod, um Schwulst und Spucke. Das kommt hier alles drin vor, sogar dieses hundertmalige Gute-Nacht-Sagen, bevor endlich einer den Hörer auflegt.

Was hingegen überhaupt nicht vorkommt, sind die Familien: die Capulets und Montagues. Böhms Inszenierung schert sich nicht um die Eigenheiten der Millieus, sondern fokussiert voll auf deren unüberwindliche Differenz. Identität heißt eben erst einmal nur, nicht zu den anderen zu gehören. Warum auch nicht? Wo bereits Shakespeare zwei identische Schweinebanden aufstellt, da kann man sie eben auch einfach herauskürzen. Spuren haben sie aber hinterlassen: Einmal schräg über die Bühne teilt ein Strich die Landschaft. Die eine Hälfte ist blau, die andere orange. Der Clou in Zahava Rodrigos Bühnenlandschaft ist aber, dass sie auf Symmetrie dann doch verzichtet: die einen haben mehr vom höheren Bühnenteil – die Blauen haben ja sogar diesen Pool. Es ist jedenfalls ein überraschend komplexes Setting für individuelle Marotten und ausgesprochen expressives Schauspiel.

Vielleicht stimmt es ja sogar, und Shakespeares Romeo und Julia sind tatsächlich das Basispärchen der identitätspolitischen Krisen von heute. Böhms Ansatz, nach den Motiven des romantischen-identitären Backlashs gegen die Aufklärung zu suchen, erweist sich jedenfalls als ausgesprochen ergiebig. Irgendwoher wird der Shakespearefimmel der deutschen Romantik ja kommen. Und man steckt ja selbst ganz schön tief drin in der Kiste.

Weitere Termine

Mittwoch, 16. Mai, 15. Juni sowie am 2. und 4. Juli, jeweils um 20 Uhr, Kleines Haus, Theater Bremen.

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