Richard Strauss‘ Oper „Der Rosenkavalier“ feiert Premiere im Theater am Goetheplatz

Liebe schützt nicht vor dem Tod

Leidenschaftlich, ratlos und ängstlich: Nadine Lehner als die Marschallin. Foto: jörg landsberg

Bremen - Von Markus Wilks. Eine „Komödie für Musik“, so wie Richard Strauss seine Oper „Der Rosenkavalier“ nannte? Nicht in Bremen. Zur Saisoneröffnung im Musiktheater des Theaters am Goetheplatz blicken wir tief in das menschliche Gefühlsleben – oft verstörend, aber in fast jeder Sekunde faszinierend und bewegend. Dazu mal opulente, mal wienerisch charmante, aber auch scharfe Klanggemälde seitens der Bremer Philharmoniker.

Unter dem Deckmantel des kaiserlichen Wiens von 1740 kreierten Richard Strauss und sein Librettist Hugo von Hofmannsthal ein zeitloses Stück über Liebeswirrungen, Ehebruch und Zwangsheirat. Der 17-jährige Octavian liebt die Feldmarschallin (ihr Mann ist unterwegs), doch diese erkennt, dass sie als ältere Frau ihren Geliebten bald verlieren wird. Dass mit Sophie, der Tochter eines Neureichen, die mit dem vulgären Baron Ochs verheiratet werden soll, nur Momente später Octavians neue Liebe vor der Tür steht, hat die wehmütige Marschallin nicht erwartet.

Frank Hilbrich (Regie), Sebastian Hannak (Bühne) und Gabriele Rupprecht (Kostüme) verwandeln den „Rosenkavalier“ in ein zeitloses Seelendrama und verändern dabei vermeintlich bekannte Strukturen und Charaktere. So sieht man keine feinsinnige, trotz ihrer wehmütigen Monologe über den Dingen stehende Marschallin, sondern eine Frau, die leidenschaftlicher liebt als man es üblicherweise zu sehen bekommt. Und eine Frau, die oft ratlos und ängstlich wirkt. Baron Ochs hingegen hat auch seine letzten adeligen Züge verloren und ist vielmehr ein pathologisch auf das Weibliche fixierter Rüpel, der die Gewalt nicht scheut. Wie „unterm Brennglas“ (so das Programmheft) blicken wir auf die Figuren in diesem Stück und lernen viel über menschliches Verhalten. Alle Protagonisten begegnen dem Tod – einer Figur, die als stummer Begleiter das Geschehen kommentiert und aus verschiedenen Nebenrollen der Oper synthetisiert wurde.

Wer noch nie einen „Rosenkavalier“ gesehen hat, für den dürfte die Bremer Inszenierung wegen der großartigen Darsteller und der detaillierten Personenführung perfekt sein. Wer das Stück besser kennt, wird diese Begeisterung wohl nur mit Bauchschmerzen empfinden: Einerseits bleibt Hilbrich faszinierend dicht am geistigen Gehalt der Oper, andererseits entfernt er sich äußerlich teilweise weit vom Gewohnten. Dass etliche Nebenfiguren und einige Ensembleszenen gestrichen wurden, ist ein Verlust an wohl bekannter, wertvoller Musik, aber zugleich ein Gewinn – dank der Fokussierung auf die Hauptfiguren.

Die Bühne wird von einem aufrecht gestellten Labyrinth beherrscht, das sich schneckenartig nach innen verengt. Durch Verschiebungen der einzelnen Elemente (ein Lob an die Bühnentechnik) ergeben sich etliche Spielräume, die den Blick auf die Protagonisten bündeln. Einige wenige Requisiten wie Tisch und Rose reichen völlig aus, um der Handlung einen – auch akustisch – vorzüglichen Rahmen zu bieten.

Ganz in seinem Element ist Generalmusikdirektor Yoel Gamzou, der mit den Bremer Philharmonikern ein Wunderwerk an Farben und Stimmungen zaubert, aber auch scharf zuspitzt und damit den „Rosenkavalier“ als Werk des 20. Jahrhunderts deutet. Zugleich spielen die Philharmoniker mit Leichtigkeit, Walzerraffinesse und Charme.

Auch als Marschallin ist Nadine Lehner wieder ein Ereignis: Sie spielt die noch junge, leidenschaftliche Frau bestechend präzise und zeichnet ihre Zukunftsängste bewegend nach. Obgleich ihr Sopran nicht über den typischen, leichten Strauss-Klang verfügt, singt sie alle Noten fokussiert, textbewusst und musikalisch.

Wohl nur eine „Rampensau“ wie Patrick Zielke ist in der Lage, den Baron Ochs so spielfreudig und überzeugend als widerlichen Proleten zu portraitieren, wie es in dieser Inszenierung sein muss. Auch stimmlich ist es typisch Patrick Zielke: Mal singt er sanft wie in einem Kinderlied, dann brutal und ohne Rücksicht auf edlen Bassklang, mal lässt er seine sonore Mittellage erklingen – immer präsent und textdeutlich. Und er hat sogar die ganz tiefen Töne, die nur wenige Sänger erreichen.

Mit Nathalie Mittelbach ist die Figur des Octavians stimmlich größer und herber (quasi männlicher) besetzt worden als üblich. Auch sie macht ihr Sache hervorragend, die Grenzen in der höheren Lage gleicht sie durch Intensität aus. Nach einigen Momenten des „Aufwärmens“ findet Nerita Pokvytyè (Sophie) alsbald zu ihrer gewohnten Form und glänzt mit sicheren Ausflügen in die Höhe. Christian-Andreas Engelhardt holt aus den wenigen Sätzen des Faninals mit kraftvollem Tenor das Beste heraus, tadellos Daniel Ratchev (Kommissar) und Luis Olivares Sandoval (Sänger). Das Premierenpublikum feierte die Solisten und das Orchester, wohingegen das Regieteam Widerspruch und (noch mehr) Jubel bekam.

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