Konzert in der Elbphilharmonie

Mit Liebe in die Herzkammer

Andris Nelsons Foto: Marco Borggrece

Hamburg - Von Michael Pitz-Grewenig. Klavierkonzerte mit Hélène Grimaud sind zumeist ein Abenteuer, weil die Pianistin stets Notentext und Interpretationstraditionen in Frage stellt. Das kann durchaus schiefgehen, aber auch zu faszinierenden neuen Einsichten führen, wie bei ihrem Konzert in der Hamburger Elbphilharmonie am Wochenende.

Robert Schumanns Konzert für Klavier und Orchester a-Moll op. 54 hat Grimaud schon vor 25 Jahren mit Daniel Barenboim auf Tonträger eingespielt. Gemeinsam mit Andris Nelsons und dem Gewandhausorchester Leipzig stellt sie nun eine völlig andere Sichtweise vor. Von der technischen Seite riskant angelegt, überzeugt ihre Interpretation durch fulminante Musikalität und eindrucksvolle Stilsicherheit, durch sie eine nahezu vollkommene Balance und klangliche Transparenz erreicht. Bemerkenswert die Durchsichtigkeit der Diktion, wobei bei der nur behutsam modifizierten Motorik kein einziger Gegenakzent geopfert und jede lyrische Line zu voller Blüte gebracht wird. Faszinierend die Gestaltung des inneren Drives dieser Musik.

Bei den Anfangsakkorden des ersten Satzes zeigt sich das schon: Grimaud erzeugt ein dissonantes Schweben des Anfangs: ein warm durchpulstes Fließen, der Klavierton singend, aber gleichzeitig auch sehr tragend. Aufmerksam wird noch der kleinsten motivischen Gestalt nachgespürt. Gleiches gilt auch für die weiteren Sätze. Ein klischeefreier, höchst individuell gestalteter Schumann. Puritanische Musikhörer mögen gegen die Anwendung mancher Rubati, Phrasierungen Einwände haben, aber Grimaud führt einen Schumann vor, der in die Zukunft weist. Andris Nelsons und das Gewandhausorchester Leipzig musizieren auf höchstem Niveau, haben verstanden, dass Klavier und Orchester gleichwertig zu behandeln sind, ergänzen kongenial Grimauds überaus moderne Sichtweise und dringen liebevoll in die Herzkammer dieser sehr persönlichen Komposition Robert Schumanns vor.

Die Sinfonie lag Robert Schumann besonders am Herzen. In seiner „Neuen Zeitschrift für Musik“ beklagte er deren Niedergang und verstand seine Beiträge zu dieser Gattung durchaus als kategorischen Imperativ. Auch die dritte Sinfonie in Es-Dur op. 97 („Rheinische“) stammt trotz hörbarer Stimmungsschwankungen aus einer positiven Phase im Leben des Komponisten. Nelsons Herangehensweise ist schlüssig. Da geht keine Note der Partitur verloren. Die messerscharfe Artikulationssorgfalt verbunden mit den klanglichen Möglichkeiten des Gewandhausorchesters Leipzig kommen Schumanns Klangvorstellungen sehr nahe und sorgen für eine selten zu hörende Durchsichtigkeit.

Im Kopfsatz und im Finale treibt Nelsons seine Musiker an die Grenzen dessen, was klanglich möglich ist. Großes Kompliment in diesem Zusammenhang an die Blech- und Holzbläser. Aber indem Nelsons den Orchesterklang, den harmonischen Fluss und das Auskosten der melodisch-rhythmischen Bewegung mit den vielen Synkopen ins Visier nimmt, legt er nicht nur die vielfältigen polyphonen Strukturen offen, sondern bläst auch interpretativen Staub aus der Partitur. Die Interpretation der Schumannschen Kompositionen durch die Leipziger dürfte zum Aufregendsten gehören, was derzeit zu Schumann mitzuteilen ist.

Das gilt auch für die dritte Konzertouvertüre „Meeresstille und glückliche Fahrt“, die Felix Mendelssohn Bartholdy inspiriert von den gleichnamigen Gedichten Johann Wolfgang von Goethes komponierte. Man muss sich der Sache schon so sicher sein, wie Nelsons und „sein“ Orchester, um aus einem poetischen und zugleich innerlichen Verständnis heraus den Notentext so stringent, stellenweise am Rande des Hörbaren, zum Erklingen zu bringen. Das Publikum reagierte zu Recht begeistert.

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