Immer wieder auf und nieder: Das Oldenburgische Staatstheater bringt Leo Tolstois „Anna Karenina“ auf die Bühne

Liebe ist eine Buckelpiste

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Anna Karenina (Eva Maria Pichler) hat mehr Verehrer, als ihr lieb sein kann. Lewin (Vincent Doddema auf Videoprojektion) dagegen hat die Hoffnung auf eine Ehe schon aufgegeben – zu Unrecht. ·

Von Johannes BruggaierOLDENBURG · 900 Seiten. Drunter ist eine Ausgabe von Tolstois „Anna Karenina“ beim besten Willen nicht zu haben. Ganz schön mutig, so ein Epos auf die Bühne zu bringen, eingedampft auf gerade mal drei Stunden.

Nun gehört die Reduktion zu den hervorstechendsten Eigenschaften des Theaters: das Herunterbrechen der großen weiten Welt auf eine knappe Bühne, des ganzen langen Lebens auf einen einzigen Abend. Was zählt, ist nicht, was dabei verloren geht. Was zählt, ist allein, was dadurch überhaupt erst sichtbar wird.

Doch nach Verknappung kann Regisseurin Anna Bergmann nicht wirklich der Sinn gestanden haben bei ihrer Inszenierung am Oldenburgischen Staatstheater. Das fängt schon beim raumfüllenden Bühnenbild an, das halb an ein Jahrmarktkarussell, halb an ein Wohnzimmer erinnert. Eine Drehscheibe lässt Protagonisten und Requisiten je nach Bedarf hinter einer grüntapezierten Wand auf- und abtauchen. Durch die Tunnelöffnung auf der linken Seite geht es hinter die Kulissen, durch die Öffnung rechter Hand geht es wieder heraus (Bühne: Constanze Kümmel). Zu allem Überfluss ist die Scheibe auch noch mit allerlei Unebenheiten versehen. Die Welt, das Leben: ein Karussell mit Höhen und Tiefen.

Dass man auf solch einem Gefährt leicht ausrutschen kann, versteht sich von selbst. Als erstes erwischt es den Gutsbesitzer Lewin (Vincent Doddema), der mit einem knallig bunten Geländewagen die junge Kitty (Kristina Gorjanowa) beeindrucken möchte.

Nach einer rasanten Fahrt über das Buckelpisten-Karussell erscheint das auch durchaus vielversprechend, weshalb der schüchterne Kauz all seinen Mut zusammen nimmt und seinen Heiratsantrag daherstammelt. „Also, ich hab‘ schon öfter gehört, dass Frauen sich manchmal auch in eklige Typen verlieben“, stottert er verlegen. Das freilich war wohl der falsche Ansatz, weshalb er sich eine derart kräftige Abfuhr einfängt, dass er sich schmollend ins Publikum setzt und statt selbst Hochzeit zu feiern die Liebesbeziehungen der anderen kommentiert. Da ist nämlich – sehr zum Trost des verschmähten Junggesellen – beileibe nicht alles Gold, was glänzt.

Bei Anna Karenina zum Beispiel (Eva Maria Pichler). Kaum vorstellbar, dass sie ihren Ehegatten Karenin (Gilbert Mieroph) wirklich liebt: diesen biederen Parteifunktionär mit einer Seele, so grau wie sein Anzug. Und tatsächlich fällt sie schon bald dem feschen Rittmeister Wronski (Sebastian Hartmann) um den Hals.

Das Publikum wird Zeuge einer heimlichen Turtelei auf dem Bremer Jahrmarkt (per Videoeinspielung), wohnt dem anschließenden Ehekrach im Hause Karenin bei und leidet mit der untreuen Anna, die nicht weiß, welches Glück größer ist: in einer unglücklichen Ehe das eigene Kind (Bei Bergmann ein feistes Puppen-Balg) aufwachsen zu sehen oder mit der großen Liebe ein neues Leben zu beginnen.

Sie entscheidet sich für Letzteres und ermöglicht damit eine wunderbare Bühnenstudie über die Liebe, die Ehe, die Erwartungen daran und wie leicht man an ihnen scheitern kann. Denn während Anna ausbricht aus dem Gefängnis der Vernunftehe verfolgt ihre Schwippschwägerin Kitty den umgekehrten Weg. Reumütig kehrt sie zu Lewin zurück: nicht die große Liebe zwar, aber immerhin eine sichere Bank.

Und dann ist da noch das Bindeglied zwischen den Gegensätzen, Kittys Schwester Dascha (Anna Steffens), Ehefrau von Annas Bruder Stiwa (der Tenor Alexej Kosarev). Dascha als treue Seele, Stiwa als untreuer Casanova: eine Beziehung voller Dramatik, immer am Rande des Abgrunds, dafür aber auch voller Leidenschaft.

Drei Versionen von Liebe, bis zur Kenntlichkeit skelettiert und auf der Bühne ausgestellt; zum Vergleich, zur Begutachtung, zur Selbstbefragung. Das kann Theater, daraus beziehen Bühnenfassungen von Prosatexten ihre Legitimation.

Wenn sich dann auch noch Vincent Doddema als verbitterter Außenseiter Lewin zu einem bissig ironischen Moderator des Geschehens aufschwingt, wenn er mit seinem Talent zur klug gesetzten Pointe den ganzen Abend an sich reißt: Dann fällt dieser an sich ja eher statische Beziehungs-Vergleich auch höchst unterhaltsam aus.

Doch mit der glücklichen Wendung für Lewin, mit seinem unverhofften Eingang in den Hafen der Ehe, findet die Doddema-Show zur zweiten Hälfte des Abends ein jähes Ende. Bergmann versucht, diesen handlungsbedingten Ausfall mit einem tiefen Griff in die Stilmittelkiste zu kompensieren. Was für ein Verhängnis!

Im Bemühen um größtmögliche Poesie lässt sie nun Stiwa-Interpret Kosarev Opern-Arien („Eugen Onegin“) trällern. Und auch Anna Karenina darf sich im ersten Rang an einen Gesangsauftritt wagen. Zu alledem Geigenschmelz, Klaviermusik, Lichteffekte, Videoeinspielungen. Das ist zwar unterhaltsam, allerdings auf Inga-Lindström-Niveau.

So wird aus dem Theaterstück doch noch eine Samstagabend-Schnulze. Was umso bedauerlicher ist, als Textarrangeur Armin Petras – selbst Regisseur – eine eigentlich kitschfreie Spielfassung erarbeitet hat.

Dass diese gefühlige Nacherzählung trotz aller daraus entstehenden Widersprüche überhaupt funktioniert, ist den darstellerischen Leistungen zu verdanken. Wie Eva Maria Pichler ihre Figur als Lernende in Sachen Liebe zeigt und aus diesem Liebenlernen ein Lebenlernen entwickelt, ist bemerkenswert. Großartig auch, wie Sebastian Hartmann in Wronski die Ambivalenz aus Stolz und Sehnsucht zur Geltung bringt. Einzig Opernsänger Alexej Kosarev kann – obgleich ausgebildeter Schauspieler – eine Künstlichkeit im Ausdruck nicht ablegen.

Am Ende ist es die Hügellandschaft auf dem Karussell, die am nachhaltigsten in Erinnerung bleibt. Wegen ihrer Höhen und Tiefen, die an diesem Abend für so vieles stehen können. Für den Verlauf des Lebens, der Liebe – und nicht zuletzt dieser Inszenierung.

Weitere Vorstellungen: am 12., 17. und 18. November, jeweils um 19.30 Uhr.

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