Liebe zu Brahms:

Igor Levit Foto: Robbie Lawrence

Bremen - Von Markus Wilks. Wie sich die Zeiten ändern: Durchgefallen bei den ersten Aufführungen, doch heutzutage beliebte, gleichwohl alles andere als gefällige Werke des Konzertrepertoires. Die Rede ist von Schumanns 4. Sinfonie und Brahms‘ 1. Klavierkonzert. Sie standen beim jüngsten Abokonzert der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen in der Glocke auf dem Programm, das mit Paavo Järvi und Igor Levit von zwei ebenso klug wie unroutiniert musizierenden Künstlern geprägt wurde. Viele Musiker und Zuhörer benötigen mehrere Anläufe, um mit Brahms‘ 1. Klavierkonzert warm zu werden. Der 50-minütige Koloss mit seinen düsteren Elementen und der komplexen musikalischen Struktur fordert heraus. Järvi am Pult der Kammerphilharmonie und Levit am Flügel machten es dem Publikum jedoch leicht, diesen Brahms zu verstehen und – ja – zu lieben. Gerade weil sie die Zerrissenheit dieser Komposition als Basis für eine aufregende Interpretation betonten, ergaben sich viele wundervolle oder energiegeladene Momente, die in ein fließendes Ganzes eingebunden waren.

Igor Levit ist kein Pianist, der durch seine Gestik die Musik verstärkt oder gar mitsingt. Wenn er tief gebeugt über der Tastatur schwebt, scheint es so, als ob er vielmehr aufmerksam die Musik auf sich wirken und seine Interpretation dadurch beeinflussen lässt. Es ist ganz große Kunst, wie zart er das Instrument bedient und gemeinsam mit Paavo Järvi die Zeit dehnt, ohne zu langsam zu wirken. Die virtuosen, kraftvollen Momente meistert der Pianist bravourös, dabei immer vorbildlich im Zusammenspiel mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, die im Gegensatz zu manch großem Orchester die Brahms’schen Klangwolken nicht im diffusen Nebel erstickt, sondern transparent spielt. Immer wieder begeistern die vorzüglichen Solobeiträge, beispielsweise die der Holzbläser im 2. Satz. Diese bettet Paavo Järvi überaus geschickt in das ruhige Fahrwasser ein und zögert das Ende dieses Adagios mit fast überirdisch schönen Klängen der Solo-Viola auf das Beste hinaus.

Nach der Pause dann ein Wiederhören mit Schumanns 4. Sinfonie – ein ebenso unkonventionelles, mit den Traditionen ringendes Stück wie das Klavierkonzert. Wenn die Erinnerung nicht trügt, gehen Järvi und sein Team inzwischen etwas „entspannter“ mit dem Notentext um, etwas ökonomischer bei der Wahl der Mittel, um die Substanz herauszuarbeiten: So dominiert die Pauke etwas weniger den Gesamtklang, um nur ein Beispiel zu nennen. Gleichwohl drücken Orchester und Dirigent dem Stück mit schier unermesslicher Spielfreude, dem starken Rhythmusgefühl, dem Gespür für Klänge und musikalischer Rhetorik einen kontrastreichen Stempel auf und verwandeln die Sinfonie in eine pausenlos gespielte Fantasie. Zum Dank für den Jubel und quasi als Überleitung zum Beethoven-Jahr gab es als Zugabe den Schlusssatz der 1. Beethoven-Sinfonie: was für ein herrlicher, unkonventioneller Spaß.

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Das Konzert wird am Dienstag und Mittwoch in der Glocke in Bremen wiederholt, dann jedoch mit dem 2. Konzert von Brahms.

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