Unterwegs auf unbekannten Dachregionen: Die Bremer Galerie des Westens zeigt Werke von André Sassenroth und Sebastian Dannenberg

Die Liebe für alle Ewigkeit festgeschraubt

Nächster Ausstieg: Dachluke. Exponat „sleep well walther“ von André Sassenroth. ·
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Nächster Ausstieg: Dachluke. Exponat „sleep well walther“ von André Sassenroth. ·

Bremen - Von Johannes BruggaierBitumen besteht aus hochmolekularen Wasserstoffen, aus Schwefel, Sauerstoff, Stickstoff und Spuren von Metallen. Es eignet sich zum Hochbau, zur Herstellung von Asphalt und zur Abdichtung von Hausdächern. Als Teppich eignet es sich auf jeden Fall nicht, wie sich beim Besuch der aktuellen Ausstellung von André Sassenroth und Sebastian Dannenberg leicht erfahren lässt.

Es ist ein eigenartiges Gefühl, durch die Bremer Galerie des Westens (GadeWe) zu flanieren. Ständig knistert es unter den Füßen, andauernd glaubt man, der Boden sei nicht stabil, als könne er jeden Moment unter dem Gewicht des Besuchers einstürzen: wie auf einem Dach spazierengehen. Und tatsächlich ist es ja auch Dachpappe, die diesen seltsamen Schwebezustand erzeugt, ausgebreitet auf dem Galerieestrich.

Überhaupt hat es den Anschein, als sei man unbefugt auf fremdem Terrain unterwegs: auf dem Speicher eines Bremer Hauses, unbemerkt von den Bewohnern im Erdgeschoss. Rechter Hand bemerkt man eine geöffnete Luke, daneben führt eine Leiterkonstruktion in noch höhere Gefilde des Gebäudes. Wenngleich ihre Nutzung kaum möglich scheint, zu verquer stehen die Sprossen einander im Weg. Und auch ein Ausstieg aus der Luke scheint mit Hindernissen verbunden, zumindest wenn der davor befindliche Rollstuhl als Ergebnis des letzten Versuchs zu verstehen ist.

Vorsichtig wie ein Dieb schleicht man weiter durch diesen fremden Dachboden und wird links einer handwerklichen Arbeit gewahr, halb Malerei, halb Tischlerei. Es ist ein großer Buchstabe, in hellblauer Lackfarbe an die Wand gemalt. Ein „N“, das offenbar so wacklig auf seinen Füßen steht, dass es einer zusätzlichen Absicherung bedarf. Als könne es jeden Moment von der Wand zu Boden fallen, stemmt sich ein Holzgerüst dagegen: Nicht nur wir Besucher sind auf dieser Fläche also von labiler Konstitution, selbst Wandmalereien drohen zu kippen. Vielleicht auch bloß deshalb, weil sie für fragile Träume stehen, für leicht zerstörbare Hoffnungen. „ANNA“ lautet der Titel dieser Installation, was zu allerlei Mutmaßungen Anlass bietet: Soll mit dem Buchstaben womöglich eine große Liebe kurzerhand für alle Ewigkeit festgeschraubt werden?

Fragen wirft auch ein geheimnisvoller Blechkasten auf. Eine Schatztruhe, in der laut Titel ein Superheld wohnt. Noch ein Beweis dafür, dass wir uns erstens dicht am Himmel befinden und zweitens tief in einem Versteck. Die offen stehende Dachluke, wer weiß, markiert vielleicht den Fluchtweg des Helden.

So vielfältig die Assoziationen auf dem Bitumenboden ausfallen, so wenig können die Exponate abseits dieser Dachbodeninszenierung überzeugen. Im hinteren Bereich der Galerie sind mit Folien überspannte Holzrahmen zu sehen, gewagt platziert auf wackligen Skateboards. Auf einer Glasscheibe bitten sandgestrahlte Buchstaben, der Betrachter möge „Zerstörung“ möglichst „verzeihen“. Und die Fotostrecke eines Wohnhauses belehrt uns mit Tom Waits darüber, dass alles, was wir denken können, wahr sei. Das alles ist zusammenhanglos, irritierend zwar, aber ohne Erkenntnisgewinn. Dem Reiz des ersten Teils dieser Ausstellung tut das keinen Abbruch.

Bis 4. Februar in der GadeWe, Reuterstraße 9-17, Bremen. Öffnungszeiten: Mi. und Fr. 15-19 Uhr, Do. 15 bis 21 Uhr.

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