Die Ausstellung „Geometrie der Dinge“ in der Bremer Gesellschaft für aktuelle Kunst versammelt Positionen zum Positionieren

Lichtverhältnisse und andere Spielflächen

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Träge und künstlich: Watkins‘ „Days of Inertia“ ·

Bremen - Von Tim SchomackerIm hinteren Teil der Gesellschaft für aktuelle Kunst (GAK) stehen zwei Pfeiler. Auf jeden sind zwei Farbflächen aufgetragen. Länglich und schwarz hier, breiter und paketbandfarben dort, verlaufen sie über Eck.

Oder um eine Kante herum. Wären sie auf einer Leinwand, könnte man alle vier Farbflächen gleichzeitig sehen. So sieht man maximal drei. Die Betrachtung weckt den Wunsch, was man sieht auffalten zu können, eine vierte Dimension hinzuzufügen, die gleichzeitiges Sehen ermöglicht. Wäre schön, geht aber nicht. Das Gedankenspiel und seine Unmöglichkeit sind enthalten in dieser weit reichenden und doch leisen Arbeit von Markus Amm.

Zusammen mit arrangierten Fotografien und Fundstücken von Robin Watkins, Sara Barkers filigranen Plastiken und schweren Glaswänden, verwaschenen Filmen und seriellen Raum-im-Raum-Dias von Charlotte Moth bildet Amms dezenter Angriff auf die Statik ein Nachdenken über Räumlichkeit. Dabei wurde Erhabenheit selten so unüberwältigend adressiert wie in der Schau „Geometrie der Dinge“. Die romantischen Zauberkästen werden hier ebenso verkleinert wie die konstruktivistischen Entwürfe der Avantgarden des 20. Jahrhunderts.

Wie in leiser aber direkter Replik auf den Man Ray-Film „Les Mystères du Chateau de Dé“, in dem ein verwinkelt geradliniges Anwesen von merkwürdigen Gestalten bevölkert und bespielt wird, zeigt Moth im kurzen Video „Gone wrong footage“ form- und linienfokussierte Fragmente eines Rundgangs durch ein Haus der Architektin Eileen Grey. In verwaschenem Schwarz-weiß, das (darum der Titel) durch fehlerhafte Digitalisierung des 16-Millimeter-Films seine Bildqualität bekam, werden Bodenfliesen, Teile von Treppenaufgängen, Blättermuster im Außenbereich mehr gestreift denn betrachtet.

Strategien der Miniaturisierung und der Fragilisierung unter Beibehaltung der großen Warum-Fragen führen hier in die Gegenwart. So lässt Amm ein kleines Foto (auf Ladefläche schlafender Mann mit viel Raum im Hintergrund) in die GAK-Wand ein. Und schafft so die Illusion eines architektonisch gestalteten Hohlraums. So tippt Watkins verschmitzt den ganzen Rattenschwanz des Sonnenaufgangsmotivs, von erhaben bis Kitsch, an, indem er ein von einer Frucht abgepultes Aufkleberchen mit dem Wort „Sunrise“ mitten auf sonst leerer gerahmter Leinwand platziert. So stellt Barker einen aus hohen Glasplatten zieharmonikaartig gewinkelten Trenner vor eine ihrer vier für die Ausstellung entstandenen Plastiken, die ihrerseits wie dreidimensional in den Raum aufgefaltete Zeichnungen daherkommen. Von exakt einer Position aus sieht man die grüne Glasplattenkante als vertikal den Gesamtraum durchtrennende Linie.

Der Raum selbst bezieht mit derlei Phantomlinien gewissermaßen eine fünfte künstlerische Position zur „Geometrie der Dinge“. Seine Schatten und Kanten erweitern ein aus zwei übereinander angebrachten Leinwänden komponiertes Gesamtbild über die Bildfläche hinaus – das seinerseits mit einer „gemalten“ Linie aufwartet. Auch ein horizontal an der Wand angebrachtes schmales weißes Brett, unter dessen Plexiglasabdeckung Watkins getrocknete Bohnen aus einem Experiment über Mond und Magnetismus aufgereiht hat, lässt sich gedanklich verlängern. Addiert man die Linien und Fluchtpunkte und Flächen, erhält man ein Geflecht, das sich zu einem gedanklichen geometrischen Muster verdichtet.

Der großformatige Titel passt zu dieser Gruppenausstellung. Die manchmal ganz klar ist, ohne sich selbst zu sehr zu erklären. Wie in Charlotte Moths 80-teiliger Diashow, die ebenfalls klein auf eine Wand projiziert wird: Zu sehen ist eine andere Wand aus einem anderen Gebäude, an die – Dia um Dia – je ein bunter Papierbogen mehr angebracht wird. Schon der Umstand, dass das Bild sich zugleich durch einen blaugefärbten Spiegel betrachten lässt, deutet an: hier geht es um mehr als nur bunte Papierbögen.

Gesellschaft für aktuelle Kunst, Bremen. Teerhof 21, bis 5. Mai. Di-So 11-18 Uhr.

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