Pio Rahner gelingt das fast Unmögliche: Eine Ausstellung in der Coronakrise

Lichter der Großstadt

Aus dem Fenster: „Solitär“, Hannah Wolf. Foto: Wolf

Es ist ein echter Coup, vielleicht ja gar ein Geniestreich: Alle Welt, naja, sagen wir die Kunstwelt und ihre Liebhaber gehen durch schwere Wochen. Ihre heiligen Hallen müssen der Öffentlichkeit verschlossen bleiben, und die Öffentlichkeit darf Kunst als Datei bewundern.

Bremen - Was einfach nicht das gleiche ist, auch wenn die Krise gewiss auch Formen hervorbringen wird, die Digitalität als natürliches Habitat nutzen – und nicht als Ersatz. Tatsächlich aber wird nun langsam die Ungeduld größer, wieder die echte Auseinandersetzung mit der Kunst suchen zu können. Der Bremer Künstler Pio Rahner gehört selbst zu den Leidtragenden. Mit dem „Erlkönig“ betreibt er den wahrscheinlich kleinsten Ausstellungsraum für Kunst, den Bremen zu bieten hat. Auch Rahner musste eine Ausstellung absagen. Vielleicht war das aber auch gut so. Ihm kam im Zuge dessen nämlich eine betörende Idee: Anstelle der kleinsten Galerie der Stadt bespielt er ab kommendem Dienstag sozusagen die ganze Stadt. Bis 25. Mai, eventuell aus technischen Gründen mit partieller Unterbrechung, zeigt Rahner unter dem toll mehrdeutigen Namen „Sichten“ zeitgenössische Fotografie. 

Und zwar so, dass im Grunde die ganze Stadt etwas davon hat: In den sogenannten City Lights, illuminierten Werbeflächen an Haltestellen und anderen Ecken der Stadt, sind drei Wochen lang Arbeiten von Rahner selbst, Björn Behrens, Anja Engelke und Hannah Wolf aus Bremen, Javier Gastelum, Christopher Muller und Stefanie Pluta aus dem Rheinland, Anne-Lena Michel aus Berlin, Axel Braun aus dem Ruhrgebiet und Jana Kölmel aus Brisbane, Australien, zu bewundern. Auf die Beine gestellt hat Rahner das nicht ganz kleine Projekt in etwa 38 Tagen, berichtet er. Das bedeutete für die teilnehmenden Künstler, von denen zumindest einige ihre Arbeiten direkt für „Sichten“ produzierten, das zwischen Rahners Anfrage und dem Druck der Werke vier bis fünf Tage lagen. Vorher mussten Sponsoren gefunden werden, nachher folgte der Druck von insgesamt 250 Fotografien für ebenso viele Flächen, die dann zwei Wochen vor der Hängung bei dem Betreiber der Werbeflächen liegen mussten. Das künstlerische Konzept ist dabei ganz unberührt von all dem Stress, von nahezu vollendeter Eleganz: Das Hochformat der Werbeflächen kommt mit seinem Rahmen ohnehin wie eine Art Fenster daher, durch das Passanten normalerweise freilich Blicke in die schöne neue Warenwelt werfen. Nun werden sie für eine Weile mit künstlerischen „Sichten“ konfrontiert – und zwar solchen aus Fenstern. 

Kein Durchblick: „Raum 125“, Anja Engelke. Foto: Engelke

Was, wie Rahner erläutert, neben einer gewissen Aktualität auch eine kunstgeschichtliche Tradition hat. Besonders in der Romantik schaute man gern aus dem Fenster. Und Jana Kölmel bezieht sich in Titel und Motiv ihrer Arbeit „Frau am Fenster“ direkt auf Caspar David Friedrichs gleichnamiges Gemälde. Dass durchaus auch Irritationen eingebaut sind, versteht sich fast von selbst. Bei Anja Engelke scheinen wir lediglich durch ein Fenster zu sehen. Was da so optimistisch zwischen den Vorhängen leuchtet, ist – Rauhfasertapete. Und bei Christopher Muller wird deutlich, dass ein Fenster eben nicht nur eine Öffnung nach außen hin ist, sondern auch eine Barriere. In seinem Fall nicht allein eine materielle. „Nachts“ heißt seine Arbeit, in der das Fenster das Licht zurückwirft und die Sicht nach außen verhindert. Rahner selbst hat aus dem Fenster seines Ateliers im Künstlerhaus fotografiert und deutet das Draußen politisch, indem er Bezüge zu zivilemUngehorsam und Protest herstellt. 

„Zwei unterschiedliche Muster der Partizipation. In einer Episode von Verordnungen“, gibt er dazu zu Protokoll. Wobei Rahner betont, dass er das Publikum weder unterschätzen noch überfordern wolle. Raum für Titel und andere Angaben zum Werk bieten die City-Lights nicht. Die Bilder müssen also für sich stehen, wobei im Internet mit der Zeit dann doch weiterführende Informationen zu erhalten sein werden. Dennoch: „Ein Wagnis“, sagt Rahner. Zumal es auch keine Vernissage mit Einführung gibt. Eröffnet wird am Dienstagmorgen im gesamten Bremer Stadtgebiet.

Sehen: 5. bis 25. Mai im Bremer Stadtgebiet. Mehr im Internet: erlkoenigschau.tumblr.com

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