Käte Lassen, Ottilie Reylaender und Marie Bock in der Worpsweder Kunsthalle

Licht des Nordens

Marie Bock: Die Uhr, um 1900 ·
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Marie Bock: Die Uhr, um 1900 ·

Von Rainer BeßlingWORPSWEDE · Als das Sprengel-Museum im Winter 1996/97 die „Wegbereiterinnen der Moderne in Deutschland“ würdigte, leistete es damit Pionierarbeit. Die Einsicht, dass auch Malerinnen und Bildhauerinnen einen entscheidenden Beitrag zur Avantgarde um 1900 leisteten, war noch nicht flächendeckend ausgebildet.

Neben bekannten Künstlerinnen wie Paula Modersohn-Becker, Gabriele Münter und Marianne Werefkin widmete sich die Schau in Hannover unter anderem auch Ottilie Reylaender (1882-1965) und Käte Lassen (1880-1956). Deren Werke hatten bis dahin allenfalls regional Beachtung gefunden. Zu den Besucherinnen der Ausstellung im Sprengel-Museum gehörte auch Susanna Böhme-Netzel, die sich spontan für die Arbeiten Lassens begeisterte.

Mit der Wahl des Themas „Malerinnen um 1900“ für den diesjährigen Worpsweder Ausstellungssommer kann die Leiterin der Worpsweder Kunsthalle nun einen lang gehegten Plan realisieren. Böhme-Netzel präsentiert erstmals in dieser Region eine größere Auswahl von Werken Käte Lassens. In Korrespondenz treten diese zu bedeutenden Arbeiten von Reylaender und von Marie Bock (1867-1956), die 1899 zusammen mit Paula Becker und Clara Westhoff in der Kunsthalle Bremen ihr Ausstellungsdebüt gab.

Hatte schon die Ausstellung im Sprengel-Museum dafür geworben, weniger die Biografie der Künstlerinnen als deren Bilder in den Blick zu nehmen, erscheint es heute umso angebrachter, vor allem das Werk der Malerinnen zu würdigen. Die von Böhme-Netzel großartig arrangierte Präsentation lädt zu einer intensiven Betrachtung dreier bemerkenswert eigenständiger Positionen ein.

Den Auftakt bilden die Werke Lassens. Insbesondere im Kontrast zu den moorigen Farben der Worpsweder Künstlerinnen fällt das helle bis fahle Kolorit von Lassens Werken auf. Die in Flensburg geborene Künstlerin pendelte zwischen Schleswig-Holstein und Dänemark. Das Licht des Nordens, die Meereslandschaft, die Menschen und das Leben an der Küste spiegeln sich in strengen, schnörkellos dichten Werken wider. Die Bildnisse dokumentieren, dass die Malerin bereits früh „das Gesehene auf wenige ausdrucksstarke Linien“ zu abstrahieren wusste, wie Susanne Kanzler in ihrem Beitrag über Käte Lassen im Katalog zu den „Wegbereiterinnen der Moderne in Deutschland“ schreibt.

Lassen gelingt es, die Lebenssituation der Porträtierten, meist einfachen Milieus entstammend, nachzuzeichnen. Zugleich macht sie allgemein menschliche Befindlichkeit ohne Dramatisierung anschaulich. Weniger Ausdruck und Aktion, eher Innehalten und Standhalten, Nachsinnen und Fragen bestimmen die Bildnisse. In diesen heben sich vereinzelte markante Konturen aus einer farblich luftigen Flächigkeit heraus und stecken die Pole Körperlichkeit und Gedanklichkeit ab. In ihren Selbstporträts zeigt sich Lassen als stille Beobachterin und „Chronistin der Einsamkeit“ (Kanzler). Selbstzweifel schwingen mit, wenn sie sich als Künstlerin darstellt: Fest blickt sie ihr Gegenüber an. Wie zum Schutz, damit Verletzlichkeit offenbarend, hält sie ihren Malerkittel zusammen.

Unter den Bildern, mit denen Marie Bock in der Worpsweder Kunsthalle vertreten ist, ragen ein Selbstporträt und das Gruppenbildnis „Die Uhr“ heraus. Letzteres zeigt ein Mädchen, einen Jungen und eine alte Frau im angedeuteten Halbrund, den Blick auf eine Uhr gerichtet. Der Faszination der Jungen für den glänzenden Gegenstand stehen Skepsis und Müdigkeit im Gesicht der Alten gegenüber. Zeitverlauf und Kreislauf sind in Motiv und Form aufgegriffen. In Bocks Selbstbildnis zeigen sich sowohl Bocks kompositorische Raffinesse – das Gesicht ist spannungsvoll aus dem Zentrum gerückt – wie auch ihre Begeisterung für die Figurenzeichnung und das düster abschattierte Farbspektrum Munchs.

Mit dem Bild „Beta nackt“ (1899) betreibt Ottilie Reylaender weder anatomische Studien noch Wesensschau. Vielmehr schildert sie eindringlich die Beklemmung, die das Kind beim karg honorierten Modellsitzen empfindet. Die großen Augen der Porträtierten werfen den Betrachter auf seine Voyeur-Rolle zurück. Meisterhaft in der Verschränkung der Figuren ist „Zwei Freundinnen aus Bergedorf“. Selbstbewusstsein und Sinnlichkeit, zugleich eine wohl mehr dem weiblichen Geschlecht in Freundschaften vorbehaltene körperliche Zugewandtheit spiegelt sich in diesem Doppelporträt. Nicht nur ästhetisch auf Augenhöhe mit ihren männlichen Kollegen agieren hier drei Künstlerinnen, sondern auch mit gelebter und reflektierter Weiblichkeit.

Worpsweder Kunsthalle,

bis 15. September.

Täglich 10-18 Uhr.

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