Die Weserburg befasst sich mit der Bauhaus-Leuchte – und Kulturpolitik

Das Licht brennt noch

Bremen - Eigentlich soll es an diesem Morgen in der Weserburg um eine Lampe gehen. Natürlich nicht um irgendeine, sondern die Wilhelm-Wagenfeld-Leuchte. Obwohl sie den meisten wahrscheinlich eher unter dem Namen Bauhaus-Leuchte bekannt sein dürfte. Doch wie das dieser Tage besonders auf dem Teerhof so ist, geht es am Ende dann vor allem um eins: Die Kulturpolitik an der Weser.

Dieses Mal ist allerdings nur indirekt die von massiver Verkleinerung bedrohte Weserburg Thema, stattdessen sorgt der Umgang mit Sammlern für Aussehen. Wie unsere Zeitung berichtete, hat es die Kulturbehörde über Jahre versäumt, zwei international bedeutende Sammlungen an die Stadt zu binden. Zum einen wäre da Georg Böckmann, in dessen Konvolut sich 69 Arbeiten, darunter auch Besuchermagneten von Gerhard Richter, befinden. Genau diese Sammlung wollte Böckmann langfristig dem Haus auf dem Teerhof überlassen – allerdings nur, wenn die Sammlung als steuerbefreite Stiftung angemeldet wird.

Ein Geschäft, das in der Kulturbehörde aber keinen Fürsprecher fand. Vielmehr teilt die SPD, die immerhin den Kultursenator stellt, nach der Veröffentlichung unseres Artikels in einer Verlautbarung mit, dass Steuerdeals keine Kulturpolitik seien und man Bremen nicht in eine Steueroase verwandeln wolle. Der Haken an der Sache: Die Erbschaftssteuer müssen die Erben an ihr zuständiges Finanzamt entrichten, im Fall Böckmann also in Berlin. Dem bremischen Stadtsäckel wäre also zu keinem Zeitpunkt Geld entgangen. Warum also die Aufregung?

Das fragt sich auch Walter Schnepel, der seine Kollektion, immerhin die zweitgrößte Fluxus-Sammlung der Republik, ebenfalls der Weserburg als Dauerleihgabe überlassen wollte. Versteht sich von selbst, dass dies nicht geklappt hat und sich die Sammlung mittlerweile – in eine Stiftung umgewandelt – in Ungarn befindet. Wieso auch dieser Versuch, wichtige Kunst an der Weser zu halten, misslang, dazu äußert sich Schnepel an diesem Morgen bereitwillig. Er ist natürlich nicht nur da, um mit der mitunter eigentümlich Kulturpolitik abzurechnen. Nein, die 25 ausgestellten künstlerischen Auseinandersetzungen mit der Bauhaus-Leuchte stammen aus seiner Sammlung. Auch wenn ihnen ein eisiger Wind entgegenweht: Peter Friese und sein Kurator Ingo Clauß sind noch immer in der Lage, Sammler für ansprechende Schauen zu verpflichten.

Aber zurück zu Schnepel, der kein Geheimnis daraus macht, wie bitter ihm die politische Debatte aufstößt. Er lässt nach dem Ausstellungsrundgang noch einmal die Diskussion um seine Sammlung Revue passieren und hat auch eine Erklärung dafür parat, warum er das Konvolut in eine Stiftung umgewandelt hat. Nur so habe er sicherstellen können, dass die Sammlung intakt bleibe. Denn im Erbfall hätten seine Kinder einzelne Stücke verkaufen müssen, um davon die fällige Steuer zu bezahlen – das Ende der bedeutenden Sammlung.

Und warum Ungarn, genauer gesagt Budapest? „Dort hat man mich mit offenen Armen empfangen und nicht wie einen Bittsteller behandelt“, resümiert Schnepel, der hinter der bremischen Absage durchaus Methode vermutet. Frei nach dem Motto: Gehen einem Museum die Sammler aus, ist es auch nicht mehr nötig. Ein brisanter Gedanke, der sich zwar nicht beweisen lässt, aber deutlich zeigt, wie es um das Vertrauen zwischen den Kulturschaffenden und der Politik bestellt ist.

Keine einfache Zeit für Peter Friese und seinen Kurator, die verbissen für die Zukunft ihres Hauses auf dem Teerhof kämpfen – indem sie Ausstellungen für sich sprechen lassen. So auch in „Leuchte! Designikone im Licht der Kunst“. Ausgangspunkt der Ausstellung ist besagte Bauhausleuchte WA 24. Seit 1995 hat Walter Schnepel Künstler gebeten, sich mit dem Designobjekt auseinanderzusetzen. 25 Ergebnisse sind nun in der Weserburg zu sehen, von denen allerdings nur zwei ein älteres Entstehungsdatum als 2014 haben.

Auffallend ist dabei die ähnliche Annäherungsweise. So gibt es etliche Arbeiten, die die Leuchte im Grunde belassen wie sie ist und mit neuen Details versehen. Zum Bespiel Paul Renner, der den Lampenschirm mit Hammer und Sichel bemalt hat und sich so der Institution Bauhaus kritisch nähert. Mögen die Symbole des Kommunismus und das Designobjekt zunächst auch nichts miteinander zu tun haben, gibt es beim Blick in die Geschichte durchaus eine Verbindung. Gab doch der Nachfolger des Bauhaus-Gründers Walter Gropius, Hannes Meyer, die Parole aus: Volksbedarf statt Luxusbedarf. Eine Denke, die auch im Kommunismus ihre Verfechter gefunden hat – und kolossal gescheitert ist. Ist die Bauhaus-Leuchte doch bis heute ein Luxusgegenstand, den sich nicht jeder leisten kann.

Eine Tatsache, die Dieter Roth in seiner berühmten „BAR No. 1“ beeindruckend leichtfüßig kontrakariert. Hatte sich der Schweizer anfangs noch standhaft geweigert, sich an Wagenfelds Lampe abzuarbeiten, fand die Leuchte 1996 ihren Weg in eine Ansammlung aus allerlei Kuriositäten. Zwischen Farbspritzern, alten Reifen, Radios und Plastiknelken thront sie auf der Theke, garniert mit einer mit roter Farbe besprenkelten schwarzen Schirmmütze. Das Luxusobjekt mutiert zum schnöden Hutständer, eine Individualisierung, die der Bauhausikone eine neue Präsenz verleiht.

Mag das zentrale Objekt es auch nahelegen, „Leuchte!“ ist weit mehr als eine Designausstellung. Über die bloße Lampe hinausgehend, schaffen die Künstler stattdessen neue Identitäten und brechen mit Vertrautem. Dass es dabei manchmal etwas beliebig wird, sei an dieser Stelle verziehen. Dient die Schau doch schlicht einem höheren Ziel: Zu zeigen, dass in der Weserburg das Licht noch lange nicht ausgeht.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 10. Juli. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, Donnerstag 11 bis 20 Uhr.

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