Phillip Boa über sein Album „Fresco” und Bowie

„Letztes Jahr war bitter“

„Wenn ich sehr persönlich werde, schiebe ich gerne Figuren vor”: Musiker Phillip Boa - Foto: Ole Bredenförder / Constrictor

Hamburg - Von Volker Gebhart. Phillip Boa zieht mit seiner neuen Single Kollektion “Blank Expression” nicht nur eine bemerkenswerte Bilanz zu 30 Jahren Voodooclub.

Der Indie-Musiker läuft im Doppelpack mit dem eindrucksvollen neuen Bonus-Album „Fresco” mit zwölf neuen Songs, darunter Death is a Woman” und “Against The Sun”, auch gleich zu neuer Höchstform auf. Im Interview spricht Phillip Boa über literarische Einflüsse, erklärt warum es in der Zukunft keine Musik mehr geben wird und wieso sein Song „Twisted Star” David Bowie und Lou Reed gewidmet ist.

Herr Boa, welche Inspiration fließt in Ihre Texte?

Phillip Boa: Ich schreibe einfach, was mir einfällt. Das kann sehr persönlich sein. Es ist eine Mischung aus Erzählung, Fantasie, viel autobiografischen Elementen und Reisereportagen. Wenn ich sehr persönlich werde, dann schiebe ich gerne Figuren vor.

So wie zum Beispiel jetzt Charles Bronson für die neue Single „Death is a Woman”?

Boa: Nein, das ist eine wahre Geschichte.

Ein Traum, den Sie in Hamburg im Hotel so erlebt haben?

Boa: Nein, das war alles wirklich so.

Das hat sich so ereignet wie es im Video zu sehen ist?

Boa: Bis auf das Ende des Songs, wo der Protagonist plötzlich zu einer Frau wird. Ansonsten ist das alles so gewesen.

Sie haben also in Hamburg einen Spaziergang mit Charles Bronson unternommen?

Boa: Nein, das ist auch erfunden. Aber alles andere... (lacht). Dieser Teil ist Fiktion. Aber das mit der großen Anzahl von Moskitos stimmt. Auch, dass es in Hamburg war, in einem kleinen Hotel an der Alster, und dass ich überhaupt nicht schlafen konnte. Als ich zum Frühstück eintraf, saß ich dann zuerst seiner Frau gegenüber. Dann habe ich langsam festgestellt, dass da Charles Bronson sitzt, direkt neben mir.

Wie verändert es die Beziehung zu Ihrer Arbeit, wenn neue Singles, so wie jetzt „Death is a Woman”, nur noch als Download erscheinen und nicht mehr als CD oder Platte?

Boa: Eine Single in der physischen Form, so wie wir sie kennen, existiert eigentlich nicht mehr. Jetzt erscheinen e-Singles, also elektronische Veröffentlichungen. Wir schieben einen bestimmten Song vor. Der repräsentiert, in dem Moment das, was wir machen. Ansonsten sind unsere Alben auch noch physisch zu haben, und darauf lege ich großen Wert. Ich bekomme jetzt so ein bisschen das Ende dieser Wanderung der Musikvermarktung mit. Wir sind in den letzten Jahren diesen Wandels. Das Lustige ist, dass das ja auch meine letzten Jahre sind, und das passt ganz gut. Danach – also nach mir – die Sintflut. 

Es ist mir völlig egal, was danach passiert. Mich interessiert höchstens die Zukunft, und da ist die Musik fast gar nicht mehr existent. Nur noch in Form von Fahrstuhlmusik und Unterhaltung. Dasselbe kann man leider auch über den Film sagen. Ich hoffe, dass wenigstens in der Buchvermarktung andere Tendenzen zu erkennen sein werden, weil ich Bücher liebe. Die Musikvermarktung wie wir sie kennen, CDs und Box-Sets, das gibt es höchstens noch fünf Jahre. Vielleicht zehn. Dann wird alles nur noch elektronisch sein, und dadurch wird es eigentlich entwertet. Aber der Zug ist längst abgefahren. Wir können das nicht mehr stoppen.

Sie haben eben Literatur erwähnt und dass Ihnen Bücher sehr wichtig sind. Tennessee Williams ist ein Schriftsteller, der in Ihrer Arbeit Erwähnung findet.

Boa: Ich habe immer Lieblingsschriftsteller. Tennessee Williams hatte ich schon fast vergessen. Momentan ist es jemand, den ich nicht erzählen will. Bei „Loyalty” (2012) waren es amerikanische Autoren, Don DeLillo zum Beispiel. Ich habe drei Lieblingsschriftsteller, besonders einer davon beeinflusst definitiv meine Arbeit. Da ist zum einen Anthony Burgess, aber nicht wegen „Clockwork Orange”. Zum anderen Thomas Mann, die klassische Variante. Er beeinflusst mich allerdings nicht besonders auf direkte Weise. Seine Arbeiten sind sanft, groß und beruhigend. Thomas Pynchon stellt das Gegenteil dar. Wenn ich zu viel davon konsumiere, bin ich selber vollkommen paranoid.

Handelt es sich bei dem Song “Twisted Star” auf dem Album „Fresco“ um eine Verneigung vor Musikern wie David Bowie und Lou Reed?

Boa: Absolut. Ich kann mich daran erinnern, dass ich aus einem Kino kam auf Malta, und dann kam eine Textmessage von einem Freund, der schrieb, Lou Reed sei gerade gestorben. Da fing das an, dass einer nach dem anderen wegging. Letztes Jahr war wirklich bitter. Als David Bowie gestorben ist, war ich wirklich ganz schön berührt. In Schockstarre. Der Song handelt davon, wie diese Künstler sich fühlen mussten, als ihnen das Leben so wegschwamm. Deren Leben war wahrscheinlich sehr schön und erfüllt. Obwohl sie Helden sind für immer, sind sie trotzdem vergänglich und spüren das. Sie wissen aber, sie haben Songs hinterlassen, die für die Ewigkeit sind. „Twisted Star”: Das sind keine Mainstream-Unterhalter. Es sind Stars, die Macken haben, die die Masse niemals erreichen werden. Sie sind angreifbar. Viel zu sensibel, um Superstars zu werden.

Phillip Boa gastiert am 8. April in der Markthalle in Hamburg.

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