Zum Tod des Literaturnobelpreisträgers Imre Kertesz

Die letzte Wahrheit

Imre Kertesz 2007 im Berliner Reichstagsgebäude bei der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus. - Foto: dpa

Budapest/Berlin - Die literarische Welt trauert um den ungarischen Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz. Er starb gestern im Alter von 86 Jahren nach langer Krankheit in seiner Wohnung in Budapest, teilten sein ungarischer Verleger und der Rowohlt Verlag mit. Der Überlebende des Holocaust genoss weltweit hohe Wertschätzung. Bundestagspräsident Norbert Lammert und Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) würdigten Kertesz als authentische Stimme der Opfer der Schoah.

Kertesz wurde 1929 in Budapest als Kind einer jüdischen Familie geboren. Als Jugendlicher überlebte er die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald. Die dabei gewonnenen Erfahrungen flossen in sein Hauptwerk „Roman eines Schicksallosen“ ein. Zugleich beschäftigte sich Kertesz in seinen Romanen und Essay-Bänden intensiv mit dem totalitären Sozialismus, den er als Erwachsener in seiner Heimat Ungarn erlebte.

2002 erhielt Kertesz als erster Ungar überhaupt den Literaturnobelpreis. Die Schwedische Akademie schrieb in ihrer Begründung: „Kertesz literarisches Werk erforscht die Möglichkeit, noch als Einzelner in einem Zeitalter zu leben und zu denken, in dem die Menschen sich immer vollständiger staatlicher Macht untergeordnet haben.“ Auschwitz sei für den Ungarn keine Ausnahmeerscheinung, sondern „die letzte Wahrheit über die Degradierung des Menschen im modernen Dasein“.

Die Anerkennung in seiner Heimat blieb ihm jedoch lange Zeit versagt. In den 2000er-Jahren lebte er längere Zeit in Berlin. 2012 zog er nach Budapest zurück. Zu diesem Zeitpunkt litt er schon seit mehreren Jahren an der Parkinson-Krankheit, die ihn in seinem Schaffen zunehmend einschränkte. 2014 erhielt er den Stephansorden, die höchste staatliche Auszeichnung Ungarns.

Der Autor habe mit seinem bedeutenden Wirken den Opfern der Schoah eine Stimme gegeben – „eine Stimme, die seinen Tod überdauert“, schrieb Bundestagspräsident Lammert. Kulturstaatsministerin Grütters würdigte Kertesz als „charismatischen Nobelpreisträger“ und als „stillen Mahner“. Christoph Heubner, der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, hielt fest: „Seine Erinnerungen, die er in die Gegenwart und Zukunft aller Menschen formuliert hat, beschreiben ohne Pathos, aber mit grenzenlosem Schmerz und völliger Klarheit, wozu der Mensch in Auschwitz fähig war und wozu er fähig bleibt.“

Ein Abschlussband der Tagebuchveröffentlichungen Kertesz soll im Herbst auf Deutsch herauskommen, kündigte der Rowohlt Verlag an. - dpa

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