Veröffentlichung eines nachgelassenen Romans

Der Lenz ist da

Bremen - Heute sollte sie enden, die Sperrfrist für Rezensionen eines der Romane des Jahres, wie man mit Fug und Recht schon im März feststellen darf. Abgehalten hat das einen Großteil der Medien nicht, ihr Wissen schon vorher hinauszuschalmeien. Der Roman, eine kleine Sensation, lag ja schon seit Wochen vor. Weshalb der Verlag das Erscheinungsdatum des nachgelassenen Werks des vor etwas mehr als einemk Jahr verstorbenen Siegfried Lenz, „Der Überläufer“, auf Ende Februar vorzog.

Das alles ist natürlich leicht aus den Mechanismen des Journalismus heraus zu erklären. Weniger offensichtlich ist die Antwort auf die Frage, warum dieser Roman 65 Jahre lang in der sprichwörtlichen Schublade lag. Warum Lenz ihn nicht schon zu Lebzeiten veröffentlichte. Damals war es offenbar eine mehr politische als literarische Frage, wie dem umfangreichen Anhang der Ausgabe zu entnehmen ist, in dem der zuständige Lektor (und ehemaliger SS-Mann) Otto Görner dem jungen Siegfried Lenz schreibt: „Ein solcher Roman hätte 1946 erscheinen können. Heute will es bekanntlich keiner mehr gewesen sein“, und weiter: „Sie können sich maßlos schaden, da helfen Ihnen auch Ihre guten Beziehungen zu Presse und Funk nicht.“ Der Verlag Hoffmann und Campe muss diese Sorgen geteilt haben.

Dabei ist dieser Roman, der eigentlich Lenz’ zweiter werden sollte, wenn nicht meisterhaft geschrieben, dann doch gewiss keinesfalls schlechter als sein Debüt „Es waren Habichte in der Luft“ von 1951. Lenz-Leser werden in den fein gezeichneten Naturbeschreibungen, den lakonischen Dialogen und der poetischen Durchdringung des Stoffs vieles wiedererkennen, was der Autor, der in einer Woche neunzig Jahre alt geworden wäre, später zur Meisterschaft entwickelte.

Dass derweil in der jungen Bundesrepublik die literarische Erzählung auf wenig Gegenliebe gestoßen wäre, ist tatsächlich wahrscheinlich. Es herrschte schließlich Kalter Krieg. Noch nach dessen Ende wollten bekanntlich nicht wenige am Bild einer sauberen Wehrmacht festhalten, wie die Debatte um die Wehrmachtsausstellung bewies – und erst 1998 beschloss der deutsche Bundestag ein Gesetz zur Rehabilitierung der Wehrmacht-Deserteure im Zweiten Weltkrieg.

Erschießen oder erschossen werden – darauf kürzt sich für Walter Proska der Krieg zusammen. Und weil er die deutsche Führung in der Schuld sieht, diesen Krieg begonnen zu haben, beschließt er, an ihrer Beseitigung zu arbeiten. Auf Feindesseite: Er läuft über. Und macht sich dennoch schuldig. „Der Überläufer“ setzt ein, als Proska seiner Schwester, deren Mann er im Krieg erschoss, einen Brief schreiben will. Um für späte Klarheit zu sorgen. Wider das Vergessen.

Proska scheitert. Wieder. Im Krieg hat er nicht nur seinen eigenen Schwager erschossen. Wissentlich. Auch den Bruder der polnischen Partisanin Wanda, die er liebt. Geschehenes ist nicht rückgängig zu machen, unsere groß gedachten, nicht selten recht klein ausfallenden Versuche, uns auf die richtige Seite zu stellen oder vielleicht wenigstens ein bisschen Wiedergutmachung zu leisten, werden nicht selten gnadenlos zu Kollateralschäden der Geschichte. Schicksalhaft geradezu. „Nicht zustellbar. Empfänger unbekannt verzogen.“ So lauten die letzten Worte des „Überläufers“.

In einer Zeit, in der manche, wie Lenz’ Kollegin Swetlana Alexijewitsch vor einem Kalten Krieg warnen und womöglich einen heißen meinen, in der deutsche Soldaten in aller Welt für Frieden sorgen sollen (als ob Soldaten je zu etwas anderem in die Weltgeschichte geschickt würden), ist „Der Überläufer“ kaum weniger politisch als damals.

Weshalb es auch auf inhaltlicher Ebene vermieden werden sollte, diesen Roman nur als literaturgeschichtliches Dokument zu lesen – und damit zu entschärfen.

Siegfried Lenz: „Der Überläufer“, 368 Seiten, 25 Euro, Hoffman und Campe

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