Radiokünstler Detlef Michelers übergibt dem Waller Brodelpott sein Archiv

„Lenin hatte andere Sorgen“

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Detlef Michelers

Bremen - Von Rolf Stein. Bis 2012 sammelte der Journalist und Autor Detlef Michelers Geschichte – und Geschichten, von der Räterepublik bis zur Beat-Szene. So entstand über die Jahre ein umfangreiches Archiv, das Michelers, der heute wieder in seiner Geburtstadt Berlin lebt, dem Waller Kulturhaus Brodelpott übergibt, wo diese Aufnahmen öffentlich zugänglich sind. Heute Abend ist Michelers im Presse Club zu Gast. Vorab hat er sich mit uns unterhalten.

Herr Michelers, warum haben Sie sich für Walle entschieden?

Weil hier das Geschichtskontor ist.

Was enthält Ihr Archiv?

Das gesamte Material, das ich für meine Dokumentationen gesammelt habe. Ich habe früher so gearbeitet, dass ich meine Gesprächspartner auch über ihr ganzes Leben befragt habe. Ich wollte wissen, wo sie herkamen, wie sie gelebt haben. Dadurch ist das Grundmaterial meiner Dokumentationen und Hörspiele sehr umfangreich. Ich übergebe einerseits alle Aufnahmen der Gespräche, aber auch die fertigen Radioarbeiten.

Was können Gesprächsaufzeichnungen vermitteln, was das geschriebene Wort nicht kann?

Ich habe noch mit Menschen gesprochen, die 1884 auf die Welt gekommen waren. Dieses Material vermittelt sehr viel vom Alltag, davon, was die Menschen erlebt haben und wie sie es erlebt haben. Historische Irrtümer konnte ich später noch korrigieren. Manchmal hab ich sie aber auch dringelassen. In einem Gespräch über die Bremer Räterepublik hat mir Hermann Prüser, der seinerzeit in der KPD war, erzählt, Lenin habe ein Schiff mit Getreide nach Bremen geschickt, um die Räterepublik zu unterstützen. Das war rein technisch allerdings nicht möglich, weil die Weser vermint war. Lenin hatte Anfang 1919 außerdem alle möglichen Sorgen, aber nicht die, ein Schiff mit Getreide nach Bremen zu schicken. Das war bei Prüser als Fakt verankert. Ich hab das dann in der Sendung gelassen.

Das hat niemand gemerkt?

Es gab den Anruf eines Lehrers, der sich bitter beschwerte, dass so etwas überhaupt nicht gehe. Ich habe ihm geantwortet, dass das das Leben des Interviewten sei. Ich dachte, man könnte das machen.

Heute denkt man da an den Fall Relotius, der Teile seiner Reportagen erfand.

Verglichen damit war das damals harmlos.

Sie haben Reederei-Kaufmann gelernt. Wie wird man da zum Schriftsteller und Journalisten?

Das Interesse für Geschichte kam daher, dass wir in der Schule nicht viel über Geschichte erfahren haben. Den Aufbruch der 60er-Jahre hatte ich miterlebt, mit der Schülerbewegung und 1968 wuchs mein geschichtliches Interesse. Während meiner Lehrzeit habe ich dann mit einem Mitlehrling die Zeitschrift „Das Echo“ gegründet: „Zeitschrift für die Jugend“. Wir dachten, wir werden so etwas wie „Der Spiegel“ auf lokaler Ebene. So habe ich angefangen zu schreiben.

Wie kamen Sie zum Radio?

Ich gab Anfang der 70er-Jahre eine Literaturzeitschrift heraus, den „Schöngeist“. So bekam ich Kontakt zu vielen Autoren. Über die Literatur kam ich dann auch zu Radio Bremen. Da habe ich mit der Zeit dann für die unterschiedlichen Abteilungen gearbeitet. Für den Heimatfunk habe ich die ersten O-Ton-Arbeiten gemacht. Eine Serie hieß „Drei halbe pro Viertel“. da bin ich in Kneipen gegangen und hab Leute über ihren Stadtteil erzählen lassen. Drei halbe Liter Bier lang.

Weiterhören:

Heute Abend, 19 Uhr, ist Detlef Michelers im Bremer Presse Club im Schnoor  zu Gast. Sein Archiv ist künftig im Kulturhaus Walle Brodelpott zugänglich. Mehr im Internet: www.kulturhauswalle.de

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