Ute Lemper feiert im Musicaltheater Bremen den Tango – und sich selbst

Da wabert sie, die Trauer

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Bremen, Bremen und immer wieder Bremen: Orientierungsschwierigkeiten sind kein Problem bei Ute Lempers Auftritt im Musicaltheater.

Bremen - Von Mareike Bannasch. „Dort bleib ich auf der Brücke stehn und schau ins Tal hinaus: Ich möcht so gerne weitergehn, ich möcht so gern – nach Haus!“ Zeilen voller Melancholie und Sehnsucht nach einem alten Leben außerhalb der Mauern des Konzentrationslagers Teresienstadt, zu Papier gebracht von Ilse Weber.

Eine Nachricht an den in England lebenden Sohn Hanuš, den nur ein Kindertransport vor einem Ende in den Gaskammern der Nationalsozialisten retten konnte. So viel Glück hatte seine Mutter nicht, die tschechoslowakisch jüdische Schriftstellerin wurde gemeinsam mit ihrem jüngeren Sohn im Konzentrationslager Auschwitz ermordet – mit einem Kinderlied auf den Lippen.

Ein bewegendes Schicksal ist es, an das Ute Lemper am Freitagabend im Bremer Musicaltheater erinnert. Eine Geschichte, die betroffen macht, deprimiert und auf eine gewisse Art doch hoffnungsvoll stimmt. Zwar ist es den Nationalsozialisten gelungen, Millionen Juden aus etlichen Ländern zu vernichten, die in den Lagern geschaffenen Kunstwerke, Lieder und Texte sind aber bis heute unvergessen – und damit auch ihre Autoren.

Bei Ute Lemper kommt die Erinnerungskultur eher durch die Hintertür, setzt sie in ihrem aktuellen Programm „Last Tango in Berlin“ doch eigentlich zu einer globalen Rundreise durch die eigene Vergangenheit an, die sich, – der Titel lässt es bereits erahnen – vor allem dem Tango verschrieben hat.

Dabei fühlt sich Lemper vor allem den großen Gesten verpflichtet, wenn sie die Lieder mit den Händen modelliert und sich in die besungenen Figuren hineinversetzt. So in den Auszügen der Dreigroschenoper, die sie zu den Klängen von Bandoneon und Flügel intoniert. Das Brechtsche Stück ist es dann auch, das den Startschuss für eine musikalische Reise bildet, die ein bisschen wie ein Best of aus dem Repertoire der Sängerin anmutet. Vermischt mit erklärenden Erzählungen zu den einzelnen Liedern und vor allem Erinnerungen an Höhe- und Tiefpunkte ihrer langen Karriere führt Lemper das Publikum von den Straßen Berlins nach Paris. Klar, dass in der Stadt der Liebe Édith Piaf nicht fehlen darf, der Ute Lemper mit ihrer ganz eigenen Phrasierung Anerkennung zollt. Eine Phrasierung, in die man sich zugegebener Maßen erst einmal hineinhören muss, mutet ihrer Stimme zuweilen doch viel zu schrill an.

Allerdings nicht bei „Avec les temps“, jener schmerzlich schönen Elegie von Leo Férrés. Schwermut und Trauer sind es, die in diesem Moment durch die Reihen wabern, getragen vom leidenden Ausdruck der Sängerin, den sich auch das virtuos gespielte Bandoneon zu Eigen macht und das Stück so langsam aber sicher in den Tango hinüberführt.

Die Leidenschaft dieses Tanzes ist es auch, die Lemper immer wieder in den Schattierungen ihrer Stimme auslotet. Beispielsweise in einem Auszug aus der Oper „Maria de Buenos Aires“ von Astor Piazzolla, bei dem die Sängerin nicht umhin kann, mit sich allein zu tanzen und das argentinische Lebensgefühl auf die Bühne zu bringen.

Sehr zur Freude des Publikums, das immer wieder in frenetischen Jubel ausbricht, oder in amüsiertes Gelächter. Zum Beispiel dann, wenn in einem der Songtexte mal wieder Bremen auftaucht. Natürlich nicht im Original, bei Lemper ist das eine etwas merkwürdige Hommage an den Veranstaltungsort. Bei einem simplen „Es ist schön, hier zu sein“, was mittlerweile bei jeder x-beliebigen Band zum Repertoire gehört, belässt sie es nämlich nicht, stattdessen baut die 51-Jährige in fast jedes Lied den Namen der Hansestadt ein. Ob die Referenz gerade passt oder nicht, ist zweitrangig, die Massen in den eher spärlich gefüllten Reihen wollen schließlich umschmeichelt werden. Ein Ansatz, der spätestens ab der Mitte des Abends aber leider zu einer peinlichen Slapstick-Nummer verkommt. Dass die Diva dabei mehr oder weniger lässig auf dem Klavier sitzt, macht es auch nicht besser.

So sind es vor allem zwiespältige Gefühle, die vom Auftritt im Musicaltheater Bremen zurückbleiben. Einem Abend, der ohne Zweifel deutlich macht, warum Ute Lemper solch eine Karriere hingelegt hat. Allerdings immer nur dann, wenn die Sängerin ihre Affektiertheit ablegt – und das ist leider viel zu selten der Fall.

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