Philosoph wider Willen: Für seinen Roman „Herr Blanc“ erhält Roman Graf den Bremer Förderpreis

Leise kreiselnde Beobachtungen

Roman Graf

Von Tim SchomackerBREMEN (Eig. Ber.) · „Ich glaube, für eine vollständige und befriedigende Lebensbeschreibung dieses Mannes gibt es keine Unterlagen“, stellt Melvilles Erzähler fest.

Um über ein paar Dutzend Seiten einen Lebensausschnitt zu beschreiben, der gleichwohl eine der wirkmächtigsten Verweigerungshaltungen der modernen Literatur markiert: Bartleby. In dessen berühmtem „Ich möchte lieber nicht“ steckt etwas zutiefst Robertwalserhaftes. Der Mangel an Vollständigkeit prägt auch das Bild der Hauptfigur des Romans, für den der 1978 in Winterthur geborene Roman Graf in diesem Jahr den Förderpreis des Bremer Literaturpreises bekommt. Durchaus programmatisch heißt diese Figur: Herr Blanc. Weiß, Winter, Schneefeld. „Die Welt, die der Roman erschafft, das sind eigentlich die Sätze und Buchstaben auf dem Papier“, sagt Graf in einem Café unweit des Leipziger Literaturinstituts. Dort hat er studiert. „Alles was wir nicht über Herrn Blanc wissen, das gibt es auch nicht.“

Für die strenge – und bisweilen traurigkomische – Komposition seines ersten Romans braucht Graf vor allem den Abstand zum Studium. „Weil man ja ständig über Literatur reflektiert und über Literatur spricht, ist jeder irgendwann an einem Punkt, das weiß er gar mehr, wie er eigentlich einen Text schreiben soll“, sagt Graf. „Erst wenn alles sich gesetzt und man ein paar Monate Ruhe gehabt habe, könne man auf einer anderen Ebene weiter schreiben.“ Sich Zeit zu lassen, spielt eine große Rolle für Graf, der, weil er die Schule nicht mochte Forstwirt wurde, dann aber als Journalist arbeitete. Bis ihm die journalistische Schreiblogik bei seiner literarischen Arbeit in die Quere kam. Das vielleicht erstaunlichste an Roman Graf ist, dass er vor Jahren das Angebot ausschlug, aus einigen Erzählungen ein Buch zu machen. Er habe das Gefühl gehabt, die Texten seien noch nicht so weit. So viel Respekt dem eigenen Schreiben gegenüber, so viel Vertauen auch in das, was aus der eigenen Feder da noch kommen könnte, muss man erst einmal aufbringen in einem Literaturbetrieb, dem Jugendlichkeit bisweilen ja als Kriterium gilt.

So ist „Herr Blanc“ Grafs erstes Buch. Wir wissen, dass der nicht mehr junge Herr Blanc seinen Job bei den städtischen Verkehrsbetrieben verlor. Wir wissen, dass er einmal in Cambridge studierte – mehr weil sein Vater es verfügte: der Junge solle es einmal besser haben –, dass er sich dort in Heike verliebte, bei der er aber nicht bleiben sollte, weil seine Liebe für die ordentliche Schweiz der Beziehung in die Quere kam. Wir wissen, dass seine Mutter ihm wichtig war, aber dass die Mutter irgendwann starb und Blanc heute noch oft an sie denkt. Etwa wenn er nicht getrunkenen Pfefferminztee in den Ausguss schüttet, weil er grad lieber Kamillentee möchte. Und wir wissen, dass Herr Blanc Vreni heiratete, die irgendwie die Position der Mutter einnahm und die ihrerseits zeitlebens ihrem verstorbenen Mann Franz nachtrauerte. Doch basiert all dieses Wissen nicht auf vollständigen Unterlagen, sondern auf den Erlebnissen, Gedanken und Erinnerungen des Herrn Blanc.

„Es gab auch schon Leute, die gesagt haben, das ist ein Spießbürger“, erzählt Graf, „aber das glaube ich eigentlich nicht. Denn das, was er tut, ist ja ständig nachdenken.“ Anton Blanc denkt sein Leben mehr als dass er es eigentlich lebt. Seine kleine Welt ist Gegenstand leise kreiselnder Betrachtungen. Gewissermaßen als Philosoph wider Willen und also ohne es je zu wissen, formuliert Herr Blanc eine unglaublich leise Fundamentalkritik an den Verhältnissen, bisweilen sogar am Leben selbst, dem er, so erscheint sein Bild immer deutlicher, stets ausweicht. Sein Autor hat dafür eine Form gefunden, die zeitliche und räumliche Sprünge zulässt. Eine Form, die Blanc sich festkrallen lässt an Gegen- und Umständen. Die Geschichte mit Heike pendelt Graf gekonnt zwischen erinnerter Gegenwärtigkeit und chronologischer Vergangenheit aus. Einmal nimmt er sich vor, „ihre Adresse ausfindig zu machen und mit der nächsten Maschine zu ihr zu fliegen. Aber als er zur Tür ging und sie aufschloss, besann er sich, denn das mit Heike war schon über zwanzig Jahre her.“ Und da hat Blanc noch über 200 Buchseiten Lebenszeit vor sich.

Roman Graf: Herr Blanc. Zürich: Limmat 2009. 220 Seiten. 22,20 Euro. Die Preisträgerlesung findet heute um 20 Uhr im Schauspielhaus statt. Der Bremer Literaturpreis wird morgen um zwölf Uhr in der Oberen Rathaushalle verliehen.

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