Corinna Harfouch spielt „Orlando“ am Schauspielhaus Hannover

Leicht, aber nicht leichtsinnig

Lust an stilvoller Übertreibung: Corinna Harfouch (l.) und Oscar Olivo in „Orlando“. Foto: Kerstin Schomburg

Hannover - Von Jörg Worat. Ein junger Mann wird im Schlaf zur Frau und lebt mehrere Jahrhunderte lang. Nun, so etwas passiert ja andauernd – könnte man angesichts einer neuen Inszenierung im Schauspielhaus zumindest vermuten: Ein ganz großer Pluspunkt dieser Version von Virginia Woolfs „Orlando“ ist die Selbstverständlichkeit, mit der die schräge Geschichte erzählt wird. Und die überhaupt keinen Platz für unangemessenes Pathos lässt.

Es verwundert wenig, dass die neue Intendantin Sonja Anders diesen Stoff so zügig in den Spielplan geholt hat: Geschlechterrollen zu bespiegeln gehörte von Beginn an zu ihren Hauptanliegen, und ein besserer Ansatz, als ihn der 1928 erschienene Roman bietet, ist kaum vorstellbar. Vor allem, wenn man ihn mit leichter, aber nicht leichtsinniger Hand auf die Bühne bringt, und eben das ist Regisseurin Lily Sykes hervorragend gelungen.

Nun ist das Leichte bekanntlich besonders schwer umzusetzen. Umso besser, dass sich hier in Sachen Darstellung ein Duo trefflich ergänzt: Bei diesem „Orlando“ räumt nämlich keineswegs nur Star-Schauspielerin Corinna Harfouch ab – ohne die speziellen Fertigkeiten ihres Partners Oscar Olivo, einst Mitglied des hannoverschen Schauspielensembles, wäre das alles verlorene Liebesmüh.

Die Erzählebenen wechseln, während wir erleben, wie der junge Adlige Orlando im 16. Jahrhundert zum Günstling/Lover der Königin wird und nach allerlei Abenteuern inklusive der mysteriösen Mutation zur Frau schließlich im 20. ankommt. Eine sanfte Ironie durchzieht das Geschehen, seien es die Schilderungen gesellschaftlicher Zustände oder die Eigenarten von Männlein wie Weiblein; auch Orlandos – und somit Woolfs eigene – Bemühungen um die Dichtkunst, um das Spannungsverhältnis zwischen Wirklichkeit und Darstellung werden auf die Schippe genommen: „Grün in der Natur und Grün in der Literatur sind zwei verschiedene Dinge“, lautet einer dieser vielen schönen Sätze.

Die Harfouch mit großer Souveränität vorträgt, wobei „vortragen“ fast schon ein zu großes Wort ist, weil die Sprachhaltungen der Darstellerin zwar die gesamte Palette zwischen sanft und aufmüpfig abdecken, die Sprache selbst aber nie ausgestellt wird. Ebensowenig wie die Handlung – bei der Geschlechtsumwandlung etwa gibt‘s kein großes Gedöns: die Haare offen getragen, ein wenig Herumwackeln in den Pumps, fertig ist die Laube.

Olivo huscht durch seine Rollen und bringt das Kunststück zustande, Clowneskes mit Würde zu vereinen: Da sitzen die verschiedenen Gangarten, verrät ein beiläufiges Zupfen an der Perücke schon viel, und das Gekabbel mit dem Beleuchter, der nicht so spurt wie gewünscht, ist lustig, aber nicht albern.

Wie überhaupt die elementaren Fragen dieser Geschichte nie untergehen. Was ist Identität, inwieweit ist sie selbstbestimmt und inwieweit von außen aufgedrückt? Wo verläuft die Grenze zwischen Alleinsein und Einsamkeit? Ist Liebe möglich? Was verändert sich im Laufe der Jahrhunderte, was bleibt letztlich gleich?

Und auch das Beiwerk fügt sich ein. Die variantenreiche, immer zweckdienliche Musik von David Schwarz. Die Kostüme, bei denen Jelena Miletic schon mal Lust an stilvoller Übertreibung zeigt und ein Reifrock im Verlauf zu einem Mittelding aus Liebesnest und Gefängnis werden kann. Jelena Nagornis reduziertes Bühnenbild mit den ausgeprägten Leuchtmitteln, die selbst bei voller Strahlkraft nicht aufdringlich werden.

Nach 90 Minuten gibt‘s großen Jubel für einen großen kleinen Abend, Corinna Harfouchs übermütige Freudenhüpfer wirken nicht aufgesetzt. Schwamm drüber, dass die Blumen wahrscheinlich sowieso auf die Bühne geflogen wären – diese Aufführung hat völlig zu Recht das Zeug zum Publikumsrenner.

Sehen

Freitag, 15. November, Samstag, 7. Dezember, Freitag, 13. Dezember, Samstag 21. Dezember, 19.30 Uhr, Schauspielhaus Hannover.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Blamage für Hongkonger Regierung: Vermummungsverbot gekippt

Blamage für Hongkonger Regierung: Vermummungsverbot gekippt

Unwetter in Österreich: Mann stirbt nach Erdrutsch

Unwetter in Österreich: Mann stirbt nach Erdrutsch

Wie sich Bahnreisende selbst in Gefahr bringen

Wie sich Bahnreisende selbst in Gefahr bringen

Brechts New Yorker Schokoladen-Stücke

Brechts New Yorker Schokoladen-Stücke

Meistgelesene Artikel

Wahn und Wirklichkeit

Wahn und Wirklichkeit

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

Keine Sonne, keine Pinguine

Keine Sonne, keine Pinguine

Bremer Philharmoniker: Inspirierender Beitrag zur Geschichte der Sinfonie

Bremer Philharmoniker: Inspirierender Beitrag zur Geschichte der Sinfonie

Kommentare