Die Legende von Bob und Bill

Was Bob Dylan und Shakespeare gemein ist

Besonders glücklich wirkt Dylan nicht, als US-Präsident Barack Obama ihm die Freiheitsmedaille verleiht. - Foto: Jim Lo Scalzo
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Besonders glücklich wirkt Dylan nicht, als US-Präsident Barack Obama ihm die Freiheitsmedaille verleiht.

Bremen - Von Rolf Stein. Können Sie’s eigentlich noch hören? Dylan schweigt, schweigt jetzt doch nicht, hat den Literaturnobelpreis verdient, nicht verdient – oder so: Der Nobelpreis hat Dylan verdient, nicht verdient. Und dann auch noch ein Vortrag, der den Songwriter mit keinem Geringeren als William Shakespeare in Verbindung bringt. Wobei der Vorwurf der Trittbrettfahrerei, wenn überhaupt, nur dem Publikum gemacht werden könnte, dass am Sonntagabend in ziemlich genau dem Umfang zum Theater am Leibnizplatz pilgerte, um den Saal zu füllen.

Angesetzt war der mit Musik von der ensembleeigenen Dylan-Tribute Band Willie & The Bobcats musikalisch recht eindrucksvoll und einer Szene aus „Der Sturm“ eingerahmte Vortrag von Heinrich Detering, Professor für Neuere deutsche Literatur und Vergleichende Literaturwissenschaft in Göttingen, seit Monaten, als Bob Dylan wieder einmal ins Gespräch gebracht worden war für den renommierten Preis – aber das war ja schon ein Running Gag. Wobei die Frage, ob Dylan den Nobelpreis oder eben der Nobelpreis Dylan verdient hat, am Sonntagabend eher eine, wenn auch angesichts der Umstände wohl unverzichtbare, Randnotiz war. Zentrales Thema von Deterings Vortrag waren die Spuren, die Shakespeare in Dylans Oeuvre hinterlassen hat. Und einigermaßen mit Dylan Vertraute wissen, dass das so einige sind.

Nicht nur, dass der Titan selbst in Songs wie „Stuck inside of Mobile with the Memphis Blues again“ auftaucht und Figuren wie Romeo und Julia oder Prospero aus dem Spätestwerk „Der Sturm“. Für eine seiner Radio-Shows unter dem Titel „Theme Time Radio Hour“ ersetzte Dylan einst die Anmoderation durch Shakespeare-Verse, und, so erklärt Detering, in manchem Song sind ganze Zeilen unverändert und unkommentiert übernommen. Der Albumtitel „Love and Theft“, also Liebe und Diebstahl, sei durchaus programmatisch zu verstehen.

Deterings intertextuelle Analysen, immer wieder grundiert mit unverhohlenem Fanboy-Tum, eröffnen eine Dylan-Kosmologie, die implizit die Frage mit dem Nobelpreis dann allerdings doch beantworten hilft. Dylans Bezüge zu Shakespeare sind unauflöslich verwoben mit einer anderen kulturellen Traditionslinie, die ja auch die Nobel-Juroren erkannt haben, nämlich der Folk-Tradition: die Dylan einerseits aufgesogen und entscheidend weiterentwickeln half, wobei er sie dann aber eben auch immer wieder transzendierte, zum Beispiel mit Verweisen auf große Dichter des 16. Jahrhunderts.

Die vielleicht schönste Pointe darauf hat Dylan selbst erzählt. Der ganze Sinn des besagten Radioprogramm sei im Grunde, Jerry Lee Lewis zu spielen, wie er Shakespeare singt – was er, wie Detering mit einem von etlichen mitgebrachten Bild- und Tonbeispielen nachweist, tatsächlich tat. „Lust For Blood“ zitiert den Meister Wort für Wort – ohne das Zitat zu markieren.

Derartige Details hat Detering noch eine ganze Menge zu bieten, um seine Erklärungsansätze zu stützen. Und gerade die sorgfältig austarierte Balance zwischen Pop und Hochkultur, die sich mustergültig manifestiert, wenn Ur-Rock’n’Roller Jerry Lee Lewis Shakespeare singt, könne, so Detering, auch ein Grund dafür sein, dass Dylan mit dem Nobelpreis fremdele. Weil jener ihn vielleicht zu sehr auf einen hochkulturellen Kanon festlege. Und derlei Vereinnahmungen behagen Dylan offenbar nicht sehr.

Nächster Termin: 16. Dezember, 19.30 Uhr, „Bob Shakespeare – The Times They Are A-Changin’“, Theater am Leibnizplatz.

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