„Interludium I“ in der Gak Bremen

Die Leere nach dem Exzess

Sebastian Reuschel: „Sold Out“

Bremen - Von Mareike Bannasch. Dröhnend wummert der Bass. Füllt den dunklen Club und bringt einen Plastikbecher auf der Theke zum Hüpfen. So scheint es jedenfalls, denn dieser vollgestopfte Tanztempel ist eine gut gemachte Illusion, nicht mehr und nicht weniger.

„Interludium“ – Zwischenspiel, so der wohlklingende Titel der neuen Ausstellungsreihe in der Gesellschaft für Aktuelle Kunst (Gak) auf dem Teerhof. Allerdings geht es hierbei nicht um ein Zwischenspiel musikalischer Natur, jedenfalls nicht nur. Soll diese neue Reihe eigentlich doch vor allem auf künstlerischer Ebene wirken und einmal im Jahr Bremer Künstlern eine Plattform bieten – zwischen den an diesem Ort üblichen internationalen Ausstellungen.

Eine Idee, die auch mit Blick auf die noch immer unsichere Zukunft von Weserburg und Gak geboren wurde. So unsäglich manch einem Betrachter das nicht enden wollende Gezänk um die Häuser auf dem Teerhof auch vorkommen mag, ein Gutes hat es doch: In Bremen wird mehr denn je über Kunst und ihre Bedeutung für die Gesellschaft diskutiert. Klar, dass es da auch um die heimische Szene gehen muss. Was wäre also besser als eine Ausstellung, die acht Bremer Künstler in den Mittelpunkt rückt?

Einer von ihnen ist Tim Reinecke, in der Gak mit dem Audio-/Videoloop „alkopop“ zu sehen. In einer vagen Referenz an die musikalische Deutungsebene des Ausstellungstitels projiziert er eine sich ständig wiederholende, neun Sekunden lange Sequenz auf eine weiße Plastikplane. Zu sehen ist recht wenig, nur ein hüpfender Plastikbecher. So weit, so unspektakulär. Doch Teil der Installation ist eben auch ein schepperndes Dröhnen aus einer auf dem Boden stehenden Box, das an wummernde Bässe und durchtanzte Nächte erinnert.

Eine Interpretation, die sich zwar aus Reineckes Werk ergibt, von ihm aber nur lose angelegt ist. Vielmehr spielt der Künstler eindrücklich mit jenen Erwartungen, die Wegwerfbecher und wummernde Sounds nun einmal auslösen. Ob es wirklich eine durchfeierte Nacht inklusive Vollrausch gibt? Man weiß es nicht. Die Erwartungen aber, sie sind da, und mit ihnen auch eine unausgesprochene Leere. Jenes Stimmungstief, die das Partyvolk immer dann beschleicht, wenn der letzte Ton verklungen und die Bar geschlossen ist – und vom Exzess nur noch der Kater bleibt.

Musik vermittelt sich in „Interludium I“ aber nicht nur akustisch, sondern auch materiell. So beispielsweise in Sebastian Reuschels Arbeit „Sold Out“, die ziemlich gewichtig daherkommt und vor allem der Frage nachgeht: Wie viel wiegt Musik? Sicher, Melodien und Töne an sich haben gar kein Gewicht, zumindest kein messbares. Das ändert sich allerdings, sobald wir an Verpackung und Tonträger denken. Auch Reuschel scheint es so zu gehen, der das Plattenlabel „ZCKR“ betreibt und mit digitalen Downloads naturgemäß nicht allzu viel am Hut hat. Seine elektronische Musik vertreibt er stattdessen auf der guten, alten Schallplatte. Die Pressung „ZCKR03“ allerdings kam bei den Käufern so überhaupt nicht an. Mit solch einem Ladenhüter kann man nun unterschiedlich umgehen: ihn wegschmeißen, für bessere Zeiten archivieren – oder die Platten anders nutzen. Im Fall von „Sold Out“ entschied sich Reuschel dazu, 136 Schallplatten miteinander zu verschmelzen und so aus einer Massenproduktion ein Unikat zu formen. Knapp 27 Kilo wiegt die Skulptur nun und dürfte damit auch die Frage beantworten, ob Musik ein Gewicht hat. Doch nicht nur das: Reuschel schafft es auch anschaulich, Musik materiell erfassbar zu machen. Und zwar nicht nur, weil der schwarze Block mitten im Weg liegt.

Musik und Kunst, in der Gak ist das in diesen Tagen eine Symbiose, die nicht nur funktioniert, sondern auch die Zukunftsfähigkeit der bremischen Kunstszene zementiert. Bleibt nur zu hoffen, dass dieser Eindruck auch auf die Gak und Weserburg abfärbt.

Noch bis zum 10. April.

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