Die Kunst des Papierschnitts: Oldenburger Horst-Janssen-Museum stellt die Erben des Henri Matisse vor

Das lebt doch!

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Esther Glück: „Schnakel“, 2005, Papierschnitt. ·

Oldenburg - Von Johannes Bruggaier. Papier, Stift und eine gute Flasche Barolo: Das sollte genügen, um eine ordentliche Zeichnung zu erschaffen. Es sei denn, man heißt Henri Matisse. Der nämlich benötigte noch eine Schere. Ab 1948 wollte er von Stiften und Griffeln nichts mehr wissen, ja selbst von Pinseln nicht. Stattdessen schnippelte er sich seine Figuren zurecht und nannte das: „mit der Schere zeichnen“.

Im Oldenburger Horst-Janssen-Museum sind nun Werke seiner Erben zu sehen. „Final Cut“ heißt die heute startende Ausstellung zu „Papierschnitt als eigenständigem künstlerischen Medium“.

Wer wissen will, was es mit diesem eigenartig endzeitlichen Titel auf sich hat, wird bei Matisse fündig. Der Vater des Papierschnitts als Kunst hatte diesen nämlich mit der Bildhauerei verglichen: Wie sich ein Meißelschlag im Stein nicht mehr rückgängig machen lasse, so sei auch der Schnitt mit der Schere ins Papier unumkehrbar. Nun mag Matisse damals noch die Rechnung ohne den Klebstoff gemacht haben. Dass ein mutiger Schnitt aber prinzipiell für eine Ästhetik der klaren Kante und scharfen Abgrenzung steht, dürfte schwer zu bestreiten sein.

In Oldenburg offenbart diese Eigenschaft manche staunenswerte Wirkungskraft. Etwa bei Esther Glücks „Schnakeln“, die doch eher nach „Schnaken“ aussehen. In höchst filigran ausgeschnittenen Konturen schweben sie mit einem Abstand von wenigen Zentimetern vor der Wand: zierlich schwarz mit spinnenhaft gekrümmten Beinen. Tote Tiere, ihrer fluguntauglichen Körperhaltung nach zu urteilen. Der Tod aber ist mächtig und schwer, will nicht recht passen zu dieser schwebenden Leichtigkeit. Und dann sorgen auch noch sanfte Schatten auf der Wand für einen seltsam flirrenden Effekt: Steckt da nicht doch Bewegung drin? Lebt da was?

Der scharfe Schnitt zeigt seinen Wert erst im Gegenlicht. Indem Glück ihr Getier nicht direkt auf die Wand presst, sondern kleine Abstandshalter einbaut, erschließt sie erst die dritte Dimension: Im Schattenwurf verbindet sich die Starre mit der Bewegung, zeigt sich das Lebende im Toten.

So eindrucksvoll die technische Fertigkeit dieses Werks ist, so evident wird darin auch die Ambivalenz der Papierschnitt-Kunst. Es ist eine Ambivalenz, die sich in der Abgrenzung von Begrifflichkeiten wie „Papier-“ und „Scherenschnitt“ manifestiert – in dem Bemühen, den künstlerischen Anspruch des Schneidens von Papier gegen die lange Tradition einer rein dekorativen Porträtschnippelei zu verteidigen.

Deutlich wird das an zwei sehr unterschiedlichen Exponaten aus dem Atelier des Schweizers Ernst Oppliger. Exponat Nummer eins zeigt die Arche Noah in einem spektakulär ausgestalteten kosmischen Kreis: Elefanten und Schafe, Kamele und Nilpferde, penibel ausgeschnitten in kleinstem Format. Darunter versinken Städte unter brausenden Fluten, warten zwei Teufelchen auf die erste Kundschaft verdammter Seelen. Während oben die Friedenstaube mit dem Olivenzweig in den von komplexesten Verzierungen durchzogenen Himmel aufsteigt. Das ist von beeindruckender Kunstfertigkeit, aber lange nicht von beeindruckender Kunst. Denn in der neobarocken Figürlichkeit schlummert selbstredend ein gehöriges Maß an Kitsch, und wenn auf Noahs Arche eine Familie in langen Gewändern jubilierend die Hände zum Himmel streckt, kommt man nicht umhin, dieser biblischen Aufladung einen naiven Anstrich beizumessen.

Doch da ist ja noch Exponat Nummer zwei. Was eben noch nach neobarockem Fotorealismus aussah, ist jetzt von reizvoller Mystik geprägt. Zwar bleibt Oppliger auch hier noch dem Figürlichen treu, wenn er ein Bauernhaus hinter dem struppigen Geäst winterkahler Bäume aus dem Papier herausschält. Doch erfährt die konkrete Gestalt nun raffiniert gesetzte Reflexionen: Das Gestrüpp wie das Haus scheinen sich in einem See zu spiegeln – mutete dieses vermeintliche Spiegelbild nicht an mancher Stelle realistischer an als das Original. Und dann stellt sich da auch noch die Frage nach den weiteren Brechungen am oberen und seitlichen Bildrand. Das idyllische Motiv naiver Heimatkunst verschränkt sich sukzessive zu einem bedrohlichen Irrgarten der Ängste und Sehnsüchte.

Oppliger, ganz der Tradition des Kunsthandwerks verpflichtet, setzt dabei gleichwohl auf die vollumfängliche Kontrolle des Gegenstands durch den Künstler. Sandra Kühne dagegen strebt nach der Autonomie des Kunstwerks, nach dem Moment, in dem sich das Bild der Kontrolle entzieht und sich eigenständig in eine Beziehung zum Raum begibt. Wie bei Glück und Oppliger geschieht das auch bei Kühne in einer optisch spektakulären Form. Als hätte jemand mit schwarzem Kugelschreiber in die Luft gezeichnet, schweben menschliche Figuren frei im Raum. Es ist die totale Reduktion auf nichts als die Linie, eine radikale Absage an das Mittel der Illustration: Wäre dies eine Erzählung, so käme sie ohne jedes Adjektiv aus.

„Kartografie der Erinnerung“ nennt Kühne diesen Hauch einer Installation. Und es stellen sich in der Tat Assoziationen zu diesem seltsamen Prozess des Rückwärtsdenkens ein: Wenn etwa das Weglassen der Farben und Formen erst die Erinnerung an das Wesentliche freigibt. Und wenn die Figuren der Vergangenheit in dieser Erinnerung plötzlich eine neue Autonomie erfahren, einst verborgene Beziehungen im Nachhinein unvermutet ans Tageslicht gelangen.

Man kann einen Abriss dieser großartigen Auseinandersetzung mit der Technik des Papierschnitts nicht beschließen, ohne auf die verstörende Industrieruine Tilmann Zahns einzugehen. Um eine solche Ruine nämlich muss es sich handeln bei diesem rostbraunen Flickenteppich, dessen gerüstförmige Struktur ausnahmsweise einmal nicht geschnitten, sondern gerissen wurde. Pflegen Papierschneider wie Glück, Oppliger und Kühne die Schere deshalb zu missachten, weil das Skalpell weitaus präziser zu schneiden vermag, so wäre sie einem Künstler wie Tilmann Zahn nicht rabiat genug.

Zahn geht es erklärtermaßen um die Wirkung der Verlassenheit, um dieses schwer erklärliche Gefühl der Trauer, wenn ein Ort seines ursprünglichen Sinns beraubt worden ist. In der fragmentarischen Gestalt eines einstmals welcher Funktion auch immer zugedachten Baus verbergen sich Wehmut und Kontemplation.

Ob gerissen oder geschnitten, ob schwarzweiß oder in Farbe: Der Oldenburger Ausstellung nach zu urteilen schreit das Kunstmaterial Papier förmlich danach, so sparsam wie nur irgend möglich eingesetzt zu werden. Papier entfaltet immer dann am eindrucksvollsten seine künstlerische Relevanz, wenn es seine zarte Erscheinung als Bedeutungsträger ins Spiel bringt. Im Horst-Janssen-Museum ist dieses glücklich Gelingen gleich mehrfach zu erleben.

Bis 27. April im Horst-Janssen-Museum, Am Stadtmuseum 4-8, Oldenburg. Öffnungszeiten: Di. bis So. 10-18 Uhr.

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