Calixto Bieito inszeniert in Hamburg halbherzig Verdis „Falstaff“

Lebenslust aus allen Poren

Ohne Falstaff wär’s reichlich öde in diesem ehrenwerten Haus. Ensemble und Chor der Hamburger Staatsoper. Fotos: Monika Rittershaus

Hamburg - Von Ute Schalz-laurenze. Immer wieder: Was für ein Werk! Giuseppe Verdis „lyrische Komödie“ „Falstaff“ ist das Ende und der Gipfel seines einzigartigen Musiktheaterschaffens. Er war 80 Jahre alt, als die Oper 1893 an der Mailänder Scala mit triumphalen Erfolg uraufgeführt wurde, 24 ernste Opern lagen hinter ihm, deren letzte – „Otello“ – schrieb er 16 Jahre vor „Falstaff“. Jetzt hatte die Oper Premiere an der Staatsoper Hamburg – und das Buhgewitter, in dem Regisseur Calixto Bieito am Ende stand, ist unverständlich.

Die Geschichte vom verarmten, aber unmäßig dicken und trinkfesten Ritter Falstaff, der versucht, durch Betrügereien an Geld zu kommen, läuft deftig, turbulent und höchst unterhaltsam, aber letztendlich konventionell ab – vielleicht waren die Erwartungen an einen umstrittenen Regisseur wie Bieito andere?

Am Anfang sitzt Falstaff vor dem Gasthaus, nicht als Ritter, sondern im gelben T-Shirt (moderne Kostüme von Anja Rabes), und schlürft Schnäpse und Austern. Der Italiener Ambrogio Maestri, weltweit als einer der besten Falstaffs gefeiert, ist ein überzeugend egozentrischer Außenseiter, immer irgendwie auch liebens- und bedauernswert.

Die polternde Eingangsszene mit seinen Dienern Pistola (Tigran Martirossian) und Bardolfo (Daniel Kluge) kommt mit vielversprechender Kraft daher. Dann das Quartett der Frauen, denen die Lebenslust nur so aus allen Poren sprießt: Falstaff bringt schließlich nicht nur Schlimmes in das Dorf Windsor, sondern durchkreuzt auch die bürgerliche Langeweile. Was Alice Ford als Hauptfigur (Maija Kovalevska), ihre Freundin Meg Page (Ida Aldrian), die quirlige Mrs. Quickley (mit Boxhandschuhen Nadezhda Karyazina) und Alice‘ Tochter Nannetta (Elbenita Kajtazi) hier in ihrem turbulenten Rachespiel durchmachen, ist immer doppeldeutig: Sie zelebrieren einen Spaß ohnegleichen und sind doch am Ende auch Verlierer. Wie recht hat Falstaff mit seiner Bemerkung: „Ihr braucht mich. Wie langweilig wärs euch ohne mich“.

Dazwischen toben Nannetta und Fenton (Oleksiv Palchykov) ihr heimliches Liebesleben. All das wird wunderbar durchsichtig gemacht auf mehreren Etagen des Hotels und dessen vier Seiten: Es dreht sich und eröffnet immer neue Perspektiven (Bühne von Susanne Gschwender). Die Männer Ford (Markus Brück) und Dr. Cajus (Jürgen Sacher) müssen zu viele ins Leere laufende Gags abliefern.

Doch was auf der Bühne zwar unterhaltsam, aber oft doch klischeehaft und vordergründig bleibt, verzaubert der Dirigent Axel Kober mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg meisterlich. Verdis Partitur, die mit atemberaubender Modernität völlig unterschiedliche Atmosphären geradezu fragmentarisch und immer wieder überraschender Heftigkeit und Gegensätzlichkeit aneinanderreiht, entfaltet Kober mit blitzender Schärfe und Eleganz. Wenn Verdi das in dieser musikalischen Aufführung in jeder Sekunde regelrecht explodierende Werk mit der achtstimmigen Fuge „Alles ist Spaß auf Erden“ schließt, in einer schon mehr als 200 Jahre alten musikalischen Form also, mag dies auch ein Fazit seines Lebens sein, in dem er sich immer für die aus der Gesellschaft Ausgestoßenen eingesetzt hat.

Die nächsten Termine

22., 25., und 28. Januar, 4. und 8. Februar, 25. und 28. März, Staatsoper Hamburg.

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