Laurent Chétouane inszeniert in Bremen mit „Cosi fan tutte“ seine erste Oper

Leben nach den Wunden

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Und dann kommt‘s in der Bremer „Cosi“ zum einem flotten Vierer: (v.l.) Luis Olivares Sandoval, Ulrike Mayer, Nadine Lehner und Martin Kronthaler.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. „Das albernste Zeug der Welt“ war die gängige zeitgenössische Meinung über Wolfgang Amadeus Mozarts „Cosi fan tutte“.

Und immer wieder gibt es noch heute harte Urteile über die unglaubwürdige Geschichte, in der der Philosoph Alfonso seine beiden Freunde Ferrando und Guglielmo darüber belehren will, dass ihre Verlobten ihnen innerhalb kürzester Zeit untreu werden. Natürlich ist das Textbuch von Lorenzo da Ponte unglaubwürdig, denn die Männer erscheinen kurz nach ihrem Abgang in den Krieg als verkleidete „Ausländer“ – sind‘s Walachen, sind‘s Türken? fragt Despina – wieder und werben um die Damen.

In unterschiedlichen Intervallen gelingt die Verführung auch – bei der lebenslustigen Dorabella schneller und bei der moralisch scheinbar gefestigten Fiordiligi weniger schnell – und dann stehen alle vier vor einem emotionalen Chaos ohnegleichen, das Mozart einfach beendet mit gegenseitigen Verzeihungen und der Wiederherstellung der alten Paarungen. Das aber ist genau nicht der Fall, die Musik erzählt etwas ganz anderes: Ferrando und Fiordiligi haben sich – als neues Paar – wirklich verliebt, und Guglielmo möchte Gift in den Champagner des Hochzeitstoastes gießen: das Experiment hat sein Leben zerstört.

Dass nichts mehr so ist wie früher, haben alle Cosi-Regisseure gestalten müssen, eine enorm schwierige Aufgabe, denn nicht einmal Mozart wusste ja die Antwort, seine Komposition hört einfach irgendwie auf. Die bejubelte, mit Buh-Rufen durchsetzte Premiere am Theater Bremen bietet einen Schluss, der einmal mehr deutlich sagt: Jeder Schluss dieser einer der geheimnisvollsten Opern über die menschliche Seele ist nur eine Annäherung.

Laurent Chétouane bietet in seiner ersten Opernregie eine Lösung, die sein könnte, aber aus der Entwicklung des vorherigen Konzeptes nicht zwingend hervorgeht: Ab sofort wird’s ein flotter Vierer. Das wirkt denn doch zu naiv, zu locker, zu unreflektiert im Verhältnis zu dem Leid, das diesen neuen Lebenserfahrungen und -entscheidungen vorausgeht. Man könnte man auch sagen: Die vier richten sich in einem Pragmatismus ein, der ihnen nach den Wunden neues Leben erlaubt. Ob dies gut geht oder neues Leid bringt, bleibt offen. Die Elemente der Revolution allerdings – Brot wird verteilt, Despina übt das Steineschmeißen, da schleppt einer aus dem Chor einen frisch abgeschlagenen Kopf, da hantiert Despina mit einem Handtuch in den französischen Farben – bleiben Verzierungen ohne Folgen.

Dabei war die ganze Inszenierung in jeder Hinsicht vielversprechend und innovativ: das Orchester etwas erniedrigt vor der Bühne, die Cosi-Menschen in ordentlicher Alltagskleidung (Kostüme: Sanna Dembowski) um das Orchester und uns herum – denn wir sind‘s, die das erleben und erst durch unsere Anwesenheit gewinnt die Aufführung ihre Realität: ein Kammerspiel der seelischen Regungen ohne Bühnenbild, wenn man die metapherntriefenden Propeller – Sturm der Seelen und Sturm der Geschichte im Jahr 1789 - im Hintergrund weglässt (Matthias Nebel und Laurent Chétouane). Schon in der Ouvertüre sind die Protagonisten anwesend und erzählen mit Blicken und Begegnungen, dass das später gar nicht gut laufen wird. Dieses Stilmittel wird durchgehalten und sorgt für permanente Spannung: Was passiert gleich? Die Art und Weise, wie sich die Protagonisten ansehen und mehr und mehr in Verwirrung darüber geraten, wen ihre Liebe oder ihr Begehren eigentlich meint, das hat man so deutlich noch nicht gesehen. Da brillieren fabelhafte Sängerschauspieler: Nadine Lehner und Ulrike Mayer als Fiordiligi und Dorabella, Luis Olivares Sandoval und Martin Kronthaler als Ferrando und Guglielmo, Marysol Schalit und Christoph Heinrich als Despina und Alfonso.

Großen Raum hat die Musik. Das ist auch zu verantworten von dem neuen ersten Kapellmeister Clemens Heil, der mit einem transparenten Mozartstil überzeugen kann: schnelle, aber ungemein variable, geradezu sensible Tempi, eine extreme Generalpausengestaltung, die immer wieder Musik aus der Stille entstehen lässt, die die doppelbödigen Energien herausschlägt, die das Werk so einzigartig machen. Einschränkend: Das Orchester muss unabhängig von der schönen Konzeption noch an Genauigkeit und klanglicher Delikatesse wachsen.

Weitere Aufführungen: 8., 11., 19., 25. und 31. Mai

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