Die Leben des Lügners

Neuer Comic über Nick Cave

Bremen - Von Jan-Paul Koopmann. Einem Hochstapler die Biographie zu schreiben, ist keine dankbare Aufgabe. Und das gilt ganz besonders dann, wenn der Betrüger ein Dichter ist – weil seine erfundenen Geschichten am Ende ja doch immer die bedeutsameren bleiben werden.

Nick Cave ist so einer: Sänger, Schriftsteller und Betrüger. Biographieversuche gibt es trotzdem reichlich, seit Kurzem sogar als Comic. Geschrieben hat den Reinhard Kleist, ein Schwergewicht der deutschen Comiclandschaft, der sein Talent für Musikerbiographien bereits mit Elvis und Johnny Cash international unter Beweis gestellt hat.

Jetzt also Nick Cave. Und obwohl der Band auf seinen mehr als 300 Seiten durchaus Platz dafür gehabt hätte, ist seine Stärke nicht die akribische Nacherzählung einer Lebensgeschichte. Eher grob hangelt sich Kleists Comic an den bekannten Stationen entlang: von Australien nach London, von der Punk-Keimzelle enttäuscht, dann weiter nach Westberlin, wo Cave in den 80ern experimenteller wird, sich mit Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten zusammen tut und schließlich so richtig berühmt wird.

Caves Lebensgeschichte ist nur ein Baustein in diesem Comicprojekt. Ein zweiter sind die Songs, die Kleist hier herrlich-finster in expressivem Schwarz nacherzählt, mal realistisch, dann wieder monströs überzeichnet. Dass Kleist sich intensiv auch mit anderen Cave-Biographien auseinandergesetzt hat, verrät er zwischen den Zeilen: Da hängen etwa ganz unscheinbar drei dunkle Haarsträhnen an einer Wäscheleine in der Ecke eines Panels. Ihre Geschichte wird hier nicht erzählt, dafür aber in der Film-Dokumentation „20.000 Days on Earth“. Und die ist so dermaßen unzuverlässig, dass es kaum lohnt, die Haargeschichte hier nochmal auszubreiten. Cave hat selbst am Drehbuch des Films mitgeschrieben und inszeniert sich dort mit Freuden als Kunstfigur und als Mythos.

Düster und schwermütig

Nick Cave ist ein Geschichtenerzähler, seine Songs handeln von Wahnsinnigen, von Liebenden und von Mördern. Kleist zeichnet diese grundsätzlich scheiternden Figuren mit Caves Gesicht – und verabschiedet sich spätestens damit von dem Versuch, den Künstler von seinem Werk und seiner Selbstinszenierung zu trennen. Da musiziert er in London, treibt dann durch‘s Weltall, schlendert durch Berlin und segelt dann wie ein Schiff durch den Sturm. Cave hat einmal gesagt, all seine Geschichten spielten in einer Phantasiewelt, die sich dadurch auszeichne, das in ihr „Gott tatsächlich existiert“.

Düster und schwermütig ist diese Welt und das bekommt auch der Comic hin: Jedes Bild scheint irgendwie auch ein Symbol zu sein – aufgeladen mit Bedeutung, die sich zwar nicht fassen, aber doch erahnen lässt. Und ausgerechnet da, wo es dann wirklich richtig schlimm wird, schweigt das Buch: Der Tod von Caves 15-jährigem Sohn Arthur kommt nicht vor.

Kleist verdoppelt die Kunstfigur, anstatt ihre Untiefen auszuleuchten. Aber warum denn auch? Das musikalische Werk und insbesondere die Dichtung bergen schließlich auch auf rein ästhetischer Ebene noch mehr als genug Geheimnisse. Eben darum kreist Reinhard Kleist und macht mit seinen eigenen Interpretationen wieder neugierig auf alte Platten – und auf einen Menschen, der viel erzählt und wenig verrät. Und ganz ehrlich: Wer braucht schon einen drögen Chronisten, wenn er auch einen Künstler bekommen kann?

Reinhard Kleist: „Nick Cave – Mercy on me“, 328 Seiten, Hardcover, Carlsen Verlag, 24,99 Euro

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