Leben im Jahr 1945: Der Historiker Ian Buruma beschreibt in seinem neuen Buch eine Welt am Wendepunkt

Triebe in Zeiten der Zerstörung

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Mediengruppe Kreiszeitung

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Als der Krieg vorbei war und Europa wie auch seine Zivilgesellschaft in Trümmern lag, schälte sich ein Dreigestirn des menschlichen Existenzkampfes heraus. Sex, Nahrung, Vergeltung: Es schien, als sei alles Handeln diesen Trieben unterworfen, und als würde eine Zukunft erst beginnen können, wenn alle drei Bedürfnisse vollends gestillt sind. - Von Johannes Bruggaier.

Der niederländische Historiker Ian Buruma hat über dieses Jahr 1945 ein Buch geschrieben. Es ist eine Studie über Zerstörung und Verzweiflung geworden, vor allem aber eine über Triebe. Überraschend und doch nachvollziehbar mutet an, wie machtvoll sich inmitten des Chaos das sexuelle Verlangen Geltung verschaffte. Viele Frauen in Europa aber auch in Japan sahen in den wohlgenährten, athletischen US-Soldaten gottähnliche Heroen, in Frankreich wurde die „Amerikanerjagd“ zu einem regelrechten Sport. Die ausgezehrte, verarmte männlichen Bevölkerung konnte dem meist wenig entgegensetzen. „Militärisch“, konstatierte ein Beobachter damals, „wurden die niederländischen Männer 1940 geschlagen; sexuell 1945.“ Im Osten wurde Sex derweil zur Waffe: Massenhafte Vergewaltigungen als Vergeltungsmaßnahme, abgesegnet von Stalin persönlich.

Beklemmend lesen sich Beschreibungen von „hemmungslosen Ausschweifungen“ in Konzentrationslagern. Wo viele unter den schlimmsten denkbaren Umständen ihr Leben verloren hatten, herrschte plötzlich „fieberhafte sexuelle Aktivität“. Ratlos spekulierten humanitäre Helfer über die Gründe: von trotziger Einforderung individueller Freiheit war die Rede, aber auch von Sehnsucht nach dem Vergessen und bewusster Planung zum Erhalt des jüdischen Volkes „so viele Kinder wie möglich in die Welt zu setzen“.

Kaum verwundern kann, wie stark bei ehemaligen KZ-Häftlingen der Trieb zur Vergeltung ausgeprägt war. Selbstjustiz war nach der Befreiung an der Tagesordnung, ungeachtet den Bemühungen amerikanischer Soldaten, die Täter einem ordentlichen Gerichtsverfahren zuzuführen. Nur knapp entkamen deutsche Städte einer Katastrophe, als der Plan eines Zionisten scheiterte, das Trinkwasser mit Gift zu versetzen.

An der Organisation der Vergeltung, so zeigte sich schon früh, würde sich die Zukunft entscheiden. Und die kann ohne Kompromisse nicht funktionieren. Persönlichkeiten wie der Bankier Hermann Josef Abs fanden sich trotz diskutabler Vergangenheit auf führenden Posten wieder. Bei dem Wiederaufbau eines Finanz- und Wirtschaftssystems waren die Alliierten auf erfahrene Kräfte angewiesen – eine blütenweiße Weste hatten nur die Wenigsten.

Ohnehin erwies sich das Entnazifizierungsverfahren als problematisch. Persilscheine wurden auf dem Schwarzmarkt gehandelt, wo sich vor allem die immer noch vergleichswese wohlhabende NS-Elite bediente. So kam es, dass sich SS-Männer mit Bescheinigungen über eine vermeintliche KZ-Inhaftierung weißwaschen konnten. Gerechtigkeit entpuppte sich vor diesem Hintergrund bald als Illusion, in Deutschland wie auch in Frankreich. Dort wurde Louis Renault, Gründer der Automobilfabrik wegen Kollaboration mit den Deutschen inhaftiert, er starb noch im Gefängnis an „unklaren Kopfverletzungen“. Tatsächlich war die Schuld Renaults umstritten, während offene Nazisympathisanten wie der Gründer des Kosmetikkonzerns L‘Oréal straffrei ausgingen.

Aufschlussreich sind Burumas Ausführungen zu den kulturellen Entwicklungen infolge des Zusammenbruchs. Die Huldigung der deutschen Klassiker wie auch die Abneigung gegen Jazz und Rock‘n‘Roll in den fünfziger Jahren fand ihren Ursprung in der Sehnsucht nach einem das Dritte Reich überdauernden guten Deutschland. Vom ernsten Anspruch erhoffte man sich eine Art kontemplativer Erlösung, ein Ziel, das durch die aufkommende Popkultur in Gefahr zu geraten drohte. So kündigte sich im Widerstreit der Kulturen das postmoderne Zeitalter an.

Vor 70 Jahren stand die Welt am Wendepunkt, wobei noch ungewiss war, wohin sie diese Wende führen würde. Bei der Lektüre von Ian Burumas Abriss der Stunde Null gewinnt man den Eindruck, dass die Menschheit sie trotz Kalten Kriegs und Internationalen Terrorismus zu nutzen verstanden hat: Aus damaliger Sicht waren weitaus größere Verwerfungen und Konflikte zu erwarten als später tatsächlich eingetreten sind. Fragt sich nur, ob der Lernprozess auch die kommenden sieben Jahrzehnte noch anhält.

Ian Buruma: „‘45 – Die Welt am Wendepunkt“, übers. v. Barbara Schaden, Hanser Verlag: München 2014; 432 Seiten; 26 Euro.

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