Theater Osnabrück zeigt Wilson-Waits-Adaption von Büchners „Woyzeck“

Das Leben ist eine Baustelle

Zehn Prozent mehr Drama, und die Welt wäre grün: Szene aus „Woyzeck“ in Osnabrück.
+
Zehn Prozent mehr Drama, und die Welt wäre grün: Szene aus „Woyzeck“ in Osnabrück.

Osnabrück - Von Beate Bößl. Für „Woyzeck“ in der Adaption von Robert Wilson, Tom Waits und Kathleen Brennan könnte es keinen besseren Zeitpunkt geben, als einen Tag, an dem der November mit Macht heran weht.

Doch wer bei der Premiere insgeheim hoffte, die Inszenierung von Lilli-Hanna Hoepner würde sich ganz in der tragisch-schönen Musik und den Herzen der Finsternis verlieren, musste im Theater am Dom ein klein wenig umdisponieren.

Die Spielart dort könnte den Untertitel „Das Leben ist eine Baustelle“ tragen. Als eine solche hat Iris Kraft das Bühnenbild arrangiert, in dessen Mitte ein großes Rohrstück liegt. Wenn es, wie immer mal wieder, aufgeschoben wird, erinnert das Innere an eine gleißende Zeitkapsel. Oberhalb davon verläuft ein Gang, an dessen Enden Gestänge und Leitern zum Boden führen.

Oliver Meskendahl als Franz Woyzeck, aber auch die anderen Schauspieler arbeiten sich in der eineinhalbstündigen Aufführung daran ab. Sie klettern und hangeln sich, stemmen sich mit Kraft dagegen bis ihnen der Schweiß rinnt und das Bühnenrund sich zu drehen beginnt, als gäben tatsächlich sie selbst den Anschub. „Wenn wir in den Himmel kommen, müssten wir wohl donnern helfen“, sagt Woyzeck zum Hauptmann (mit Waitschem Timbre: Thomas Schneider).

Der Mensch Woyzeck als gequälte Kreatur, die schuftet, sich für Medizinversuche hergibt, um das Geld der Geliebten zu geben, die ihn längst mit dem Tambourmajor betrügt: In Osnabrück überzeugt die Büchner-Figur und gefällt, wie Woyzeck strauchelt und um Halt ringt, als er zwischendrin wie zu Hochbauarbeiten in die Luft geseilt wird. Doch, es war zu ahnen, Leichtigkeit ist nicht seins. Genauso wenig ermuntert es ihn, wenn der Freund Andres (Jan Friedrich Eggers) neben ihm ein musicalmäßiges „Always keep a Diamond on your mind“ trällert.

Große Momente beschert Magdalena Helmig als Ansager/Karl, der Irre. Wenn sie als diabolische zweite Stimme Woyzecks Geliebter Marie (Monika Vivell) ins Lied grätscht, begeistert das. Wenn sie ganz allein von den „Shiny Things“, den glänzenden Dingen, singt, die die Krähen bringen: Das sind Momente, für die man sich so sehr auf die Premiere vorgefreut hatte. Gleiches gilt für die grandiose Livemusik von Studierenden des Instituts für Musik der Hochschule Osnabrück.

Vielleicht irritiert es deshalb umso mehr, dass manche Deko-Idee einen aus dem Spielfluss wirft. Darunter die Aufmachung des mit humoristischen Zügen ausgestatten Doktors (Patrick Berg). Wer bei dessen angeklebter Nase und roten Haaren auch nur kurz ans Sams aus dem Kinderbuch denkt, für den ist die Figur verloren – Robert Wilsons Liebe zu grellen, bunt/schwarz-Kontrasten hin oder her. „Pretend that you owe me nothing“ („Versprich, dass ich dir nichts schulde“) gehört zu den schönsten Liedern in „Woyzeck“.

Sagen wir es so: zehn Prozent. Zehn Prozent mehr Drama, „and all the world is green“ – und die ganze (Theater-)Welt wäre grün.

Die kommenden Vorstellungen: am 17., 20. und 24. November sowie am 3., 6. und 28. Dezember jeweils um 19.30 Uhr im Theater am Domhof.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Überforderung im Sport vermeiden

Überforderung im Sport vermeiden

Warum Rasenroboter doch noch einen Gärtner brauchen

Warum Rasenroboter doch noch einen Gärtner brauchen

Fünf Spiele für Eltern und Kinder

Fünf Spiele für Eltern und Kinder

Das alte Smartphone im Netz zu Geld machen

Das alte Smartphone im Netz zu Geld machen

Meistgelesene Artikel

Rammstein-Video feierte spektakuläre Premiere - Jetzt ist der komplette Clip online zu sehen

Rammstein-Video feierte spektakuläre Premiere - Jetzt ist der komplette Clip online zu sehen

Dynamisches Brodeln

Dynamisches Brodeln

„Kostet Überwindung“

„Kostet Überwindung“

Seuche oder Tyrannei

Seuche oder Tyrannei

Kommentare