Laura Neumanns „Demut vor deinen Taten, Baby“ in Oldenburg

Waffen für den Wohlstand

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Berauscht vom Jetzt: Mia (Lisa Jopt), Lore (Agnes Kammerer) und Bettie (Diana Ebert) touren als vermeintliches Terrortrio durchs Land.

Oldenburg - Von Corinna Laubach. Sie haben es doch nur gut gemeint! Nichts als pures Glück und tiefe Lebensfreude wollten die drei Frauen mit den mächtigen Kalaschnikows unterm Arm bringen! Am Ende jedoch bezahlen Bettie, Mia und Lore ihre Terror-Performance mit dem Leben. Auf den kurzen Rausch der Euphorie folgt der jähe Absturz. Exitus. Ende.

Seit der Uraufführung 2012 sorgt Laura Naumanns „Demut vor deinen Taten, Baby“ für Furore auf den deutschen Bühnen. Zur jetzigen Premiere im Kleinen Haus im Staatstheater Oldenburg war das nicht anders zu erwarten. Woran das liegt, bleibt indes schwer greifbar. Es ist nicht allein die rasante Komödie, die geschickt mit Ängsten, Terror, Glück und Risiken spielt. Eigentlich ist die Geschichte ziemlich banal bis fantastisch, siedelt sich unglaubwürdig irgendwo zwischen „Adventure Game“, Phantasieüberschuss und Gesellschaftskritik an – und entfaltet doch einen unausweichlichen Sog.

Die drei Brünetten, die zum Kampf für das Gute schreckenserregend durch die Lande ziehen – erst in Clubs, dann durch Supermärkte, Schulen oder Krankenhäuser –, eint das Schicksal. Auf der Flughafentoilette entkommen Bettie (herrlich naiv: Diana Ebert), Mia (rau, aber herzlich: Lisa Jopt) und Lore (grandios zynisch: Agnes Kammerer) einem vermeintlichen Terroranschlag. Die Security nimmt einen herrenlosen Koffer hoch, das ob der Situation angestaute Adrenalin setzt bei den Frauen eine Überdosis Endorphine frei. Berauscht vom Glück, davon gekommen zu sein, betrinken sich die Drei nicht nur zusammen, nein, sie gründen auch eine WG („Und sonntags, da gucken wir Tatort“) und schmieden fatale Pläne. Glücklich über das eigene neu gewonnene Leben wollen sie für jedermann „was Schönes“. Katalysator soll der drohende Terror sein – so wie bei ihnen. Sie machen diese Erfahrung erlebbar. Performance mit Platzpatronen, Terror als Therapie. Als scheinbar gewaltbereites Trio touren sie durchs Land – verkleidet natürlich. Destiny‘s Child, Tic Tac Toe oder Drei Engel für Charlie. Ihr Plan geht auf. Zunächst. Die Regierung wird auf die Frauen und ihre ungewöhnliche Methode aufmerksam, macht sie sich zunutze und setzt sie als Spezialwaffe für wachsenden Wohlstand ein. Bis, ja bis der Plan sich dreht. Die Menschen sind derart vom Glück und Leben im Jetzt berauscht, dass sie nicht arbeiten gehen, ihre Versicherungen kündigen, nicht konsumieren. Kurzum, die gesellschaftliche Ordnung ist in Gefahr. Das System bricht zusammen – und so geraten die drei Freizeitterroristen schlussendlich in einen Hinterhalt, der zugleich ihr größter Coup werden sollte. Zur Fußballweltmeisterschaft versetzen sie erst ein Stadion in Rage, dann sich selbst. Doch statt Platzpatronen entladen sich echte Kugeln. Das System hat sich seiner Widersacher erledigt. Aus dem Jenseits schauen die Frauen auf ihr „Projekt mit Potenzial“, betonend, dass sie doch alle nur glücklich machen wollten. Alle? Genau das scheint der Trugschluss.

Pointiert und tempogeladen reißt das Stück das Publikum mit. Malte C. Lachmann tut gut daran, Bettie, Mia und Lore auf der leeren Bühne für sich wirken zu lassen. Ein paar Lichtkegel und an die Wand geschmissene Projektionen reichen. Das Trio wächst einem schnell ans Herz. So gut, so böse, so naiv zugleich. Auf atemlose 70 Minuten folgt zurecht tosender Applaus.

Kommende Vorstellungen: am 12. und 17. Juni, jeweils um 20 Uhr im Oldenburgischen Staatstheater.

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