Das Stadttheater Bremerhaven zeigt den „anderen“ Wozzeck

Lasst alle Hoffnung fahren

Selbst die Liebe kann Wozzeck und Marie (vorne: Filippo Bettoschi und Inga-Britt Andersson) nicht retten. - Foto: Heiko Sandelmann

Bremerhaven - Erst vor Kurzem hatte die Oper „Wozzeck“ von Alban Berg in Bremen Premiere. Sie gehört zu den wichtigsten Opern des 20. Jahrhunderts. Es gibt aber auch einen anderen, weniger bekannten „Wozzeck“ von Manfred Gurlitt, der jetzt am Stadttheater Bremerhaven zu bewundern ist. Das ist ein Beispiel für gut abgestimmte Spielplangestaltung und gibt die reizvolle Möglichkeit zum direkten Vergleich.

Gurlitt war von 1914 bis 1927 in Bremen tätig, die letzten Jahre davon als Generalmusikdirektor. Sein „Wozzeck“ wurde am 22. April 1926 in Bremen uraufgeführt, nur vier Monate nach Alban Bergs Oper. Die Werke unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht. Gurlitt bediente sich nicht der Zwölftontechnik – seine Musik ist in freier Atonalität, aber auch mit vielen tonalen Anteilen komponiert. Die Partien des Wozzeck und der Marie sind sehr sangbar, teilweise fast melodiös. Gurlitt bevorzugte in der Orchesterbehandlung durchgehend einen sehr kammermusikalischen, polyphonen Klang. Er setzte seine 18 Szenen ohne Übergang nebeneinander und erzeugt so besonders krasse Stimmungs- und Farbwechsel, während bei Berg die Szenen teilweise durch symphonische Zwischenspiele verbunden sind. Gurlitt lässt erst im Epilog das volle Orchester aufrauschen.

Dass Gurlitt und sein „Wozzeck“ trotzdem weitgehend vergessen wurden, ist ein Urteil der Musikgeschichte (zugunsten Bergs), das in dieser Eindeutigkeit nicht gerechtfertigt ist. Das beweist die sehr ambitionierte Produktion des Bremerhavener Stadttheaters. Regisseur Robert Lehmeier arbeitet in seiner Inszenierung mit sehr einfachen Mitteln. Die Bremer „Wozzeck“-Aufführung ist da deutlich aufwändiger gestaltet. Gleichwohl gelingt Lehmeier eine mindestens ebenso spannende wie beklemmende Wirkung. Das Bühnenbild von Mathias Rümmler besteht aus Biertischen und Bänken sowie einer Deckeninstallation aus Neonröhren, die bei Bedarf abgesenkt werden oder flackern. Alle Personen sind stets auf der Bühne (wie im Bremer „Wozzeck“) und kommen zu ihren Szenen an die Rampe. In beiden Inszenierungen kommt die Drehbühne zum Einsatz – in Bremerhaven mal fast unmerklich, mal in rasanterer Fahrt. Ein Schicksalskarussell, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Lehmeier setzt seine Akzente klug und einleuchtend. Das Kind von Wozzeck und Marie ist behindert, was die Bürde des Außenseiters noch verstärkt. Die Eifersucht Wozzecks wird sehr eindringlich dargestellt und durch den Spott des Hauptmanns und des Doktors zur Raserei gesteigert. Am Ende, wenn Wozzeck Marie mit dem Messer getötet hat und selbst ertrunken ist, sitzen alle lethargisch an den Biertischen und halten Luftballons mit aufgedruckten Smileys in der Hand. Ein eindrucksvolles Schlussbild voller Zynismus. Eindrucksvoll ist auch die (bei Berg nicht vorkommende) Szene mit der Erzählung des abgewandelten Sterntaler-Märchens, das hier allerdings ein Gleichnis für totale Hoffnungslosigkeit ist.

Mit Filippo Bettoschi steht für die Titelpartie ein Sänger zur Verfügung, der mit expressiv geführtem Bariton und mit darstellerischer Intensität alle seelischen Verwerfungen Wozzecks in jeder Nuance beklemmend verdeutlicht. Inga-Britt Andersson ist eine Marie voller Lebenshunger, kokett und verzweifelt zugleich. Mit ihrem strahlkräftigen Sopran meistert sie ihre Partie bis in die extremsten Höhen sehr souverän. Wie immer bereitet Leo Yeun-Ku Chu mit seinem fülligen Bass uneingeschränkte Freude, hier verkörpert er den Hauptmann mit satter Präsenz. Die Tenöre Tobias Haaks und Thomas Burger sind Andres und Doktor, Henryk Böhm als Tambourmajor die Karikatur eines Sexprotzes und Carolin Löffler eine aufreizende Margaret. Der von Jens Olaf Buhrow einstudierte und auch darstellerisch geforderte Chor zeigt sich seiner Aufgabe bestens gewachsen.

Für Marc Niemann am Pult des Philharmonischen Orchesters muss die Realisation dieser Oper ein Herzensbedürfnis gewesen sein: So sorgfältig und klanglich abgestuft, wie das Orchester die Feinheiten der Partitur umsetzt, bleibt kein Wusch offen. Besonders die erschütternde Schlussmusik hinterlässt einen tiefen Eindruck. Um sich ein umfassendes „Wozzeck“-Bild zu machen, kann der Besuch beider Aufführungen wärmstens empfohlen werden.

Die nächsten Vorstellungen: Donnerstag, 24. März; Samstag, 2. April; jeweils 19.30 Uhr, Stadttheater Bremerhaven.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Meistgelesene Artikel

Es geht noch schrecklicher

Es geht noch schrecklicher

Es geht noch schrecklicher
Ein Engel verkündet das Ende der Welt

Ein Engel verkündet das Ende der Welt

Ein Engel verkündet das Ende der Welt
Tänze einer Ausstellung

Tänze einer Ausstellung

Tänze einer Ausstellung
Gemeinschaft, Spiel und Konkurrenz

Gemeinschaft, Spiel und Konkurrenz

Gemeinschaft, Spiel und Konkurrenz

Kommentare