In der Glocke

Lars-Danielsson-Group: Im Rausch

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Die Lars-Danielsson-Group

Bremen - Von Wolfgang Denker. Der schwedische Bassist, Cellist und Komponist Lars Danielsson kombiniert in seinen Programmen normalerweise spanische Folklore mit türkischen, arabischen und nordischen Einflüssen, wobei die meist melancholischen Melodien im Vordergrund stehen. Bei seinem Auftritt in der Bremer Glocke unter dem Motto „Liberetto III“ fanden die folkloristisch angehauchten Werke allerdings eher nicht ins Programm.

Und die ausgewählten Stücke kamen auch nur zum (kleineren) Teil aus der eher in ruhigerem Fahrwasser gehaltenen, aktuellen CD „Liberetto III“, dafür aber auch aus „Liberetto“ und „Liberetto II“. Das war kein Nachteil, weil sich klanglich die Vielfalt so größer gestaltete.

Gleich die Eröffnung mit dem Titelstück aus dem ersten Album der „Liberetto“-Trilogie, das in der Glocke improvisatorisch auf fast 20 Minuten ausgedehnt wird, zeigt die Klasse von Lars Danielsson und seinen Musikern. Danielsson entlockt seinem Cello zunächst befremdliche, sphärische Klänge, während die anderen diesen isolierte Töne beimischen. Allmählich wird aus diesem „Urchaos“ aber eine Struktur, und es entwickelt sich eine ungeheure Verdichtung in Klang und Rhythmus, die schließlich in einer getragenen, fast anmutigen Melodie mündet. Dabei wird sofort deutlich: Seine musikalischen Mitstreiter, der aus Martinique stammende französische Pianist Grégory Privat, der ehemalige Schlagzeuger von e.s.t (Esbjörn Svensson Trio) Magnus Öström und der britische Gitarrist John Parricelli sind alle erstrangige, hochvirtuose Solisten. Aber sie agieren als ein traumhaft aufeinander eingespieltes Ensemble, bei dem die Abstimmung bis in die feinsten Nuancen perfekt ist.

Auch bei dem rhythmisch bewegten „Orange Market“ spielen sich die Musiker geschickt die Bälle zu: Mal steht Danielsson mit seinen Bass-Improvisationen im Mittelpunkt, mal ist es der Gitarrist. Und was der Pianist an hämmernder Virtuosität zu bieten hat, grenzt fast an Hexerei. Aber Privat erweist sich bei allen Stücken als Ausnahmemusiker. Das gilt auch für Parricelli, der seine Gitarre höchst expressiv spielen kann. Und Öström ist ein so fabelhafter Schlagzeuger, dass er auch mit feinsten Schattierungen eine elektrisierende Wirkung erzielt.

Die „Miniature“ ist ein reizendes Stück, das in entspannter Ruhe dahinströmt. Die von der Gitarre vorgegebene Melodie wird vom Klavier aufgegriffen und entwickelt sich zu einem harmonischen Duett. Danielsson zaubert auf seinem Cello dazu Töne wie von einem Saxofon. „Lviv“ (Lemberg) nimmt Bezug auf die ukrainische Stadt und imaginiert das pulsierende Leben dort. Bei „Passacaglia“ ordnen sich die Musiker der an Bach gemahnenden Strenge unter. Zwar beweisen sie auch bei diesem Stück ungeheuren Drive, verlieren aber nie die Klarheit der Musik aus den Augen. Danielsson hat seine „Passacaglia“ im Vierermetrum statt im üblichen Dreiermetrum komponiert. Mit kunst- und stimmungsvollen Improvisationen über „Both Sides Now“ von Joni Mitchell glänzt Danielsson als Solist am Bass. Berührend ist das kurze und ruhige „Agnus Die“, das Danielsson seiner Mutter gewidmet hat.

Bei allen kraftvollen Klangballungen und Ausflügen in irrwitzige Tempi steht für Danielsson immer die Melodie im Zentrum. Die kann fröhlich, verträumt oder auch expressiv sein und wird meistens vom Klavier artikuliert. Die Spannweite zwischen den Polen „fetzig“ und „entspannt“ ist groß und wird von den Musikern optimal gefüllt. Mit einem schlichten Wiegenlied endet nach pausenlosen 90 Minuten diese an Höhepunkten reiche und erfüllte Jazz Night – ein perfekter Start ins neue Jahr.

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