Generalintendant Michael Börgerding und Zeitzeuge Franz Gauker über die große Zeit des Bremer Theaters

„Langweilig – bis Kurt Hübner kam!“

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Jetzt schießen sie wieder: Wilfried Minks‘ legendäres Bühnenbild zur „Räuber“-Inszenierung 1966 schmückt zurzeit die Glasfassade des Theaterfoyers. ·

Bremen - Von Johannes BruggaierAls das Beste am „Bremer Stil“ definierte Kurt Hübner einmal den Umstand, dass es ihn „gar nicht gegeben“ habe. Dafür mutet die derzeitige Würdigung am Theater Bremen ganz schön umfangreich an.

Zeitzeugen berichten im Foyer über die legendäre Hübner-Ära von 1962 bis 1973, als das Haus mit Regisseuren wie Peter Zadek und Peter Stein sowie Schauspielern wie Bruno Ganz oder Edith Clever Geschichte schrieb. Und am kommenden Freitag feiert das Stück „War da was? Die Hübner Jahre“ Premiere.

Aus Anlass dieses Gedenkens haben wir mit zwei Persönlichkeiten gesprochen, die mit der Bremer Bühne verbunden sind: Michael Börgerding, aktueller Generalintendant am Theater Bremen, sowie Franz Gauker. Der ehemalige Zollbeamte hatte nach Hübners unwürdiger Verabschiedung durch den Bremer Senat dessen Nachlass vor der Vernichtung gerettet. Nach Jahrzehnten der Aufbewahrung in seinem Bremer Haus lagern die Dokumente nun unter dem Namen „Sammlung Franz Gauker“ in der Berliner Akademie der Künste.

Herr Gauker, Sie sind auf dem Weg hierher am Schauspielhaus vorbeigekommen. Ist Ihnen da etwas aufgefallen?

Gauker:Was sollte mir aufgefallen sein?

Die Fassade ziert ein großes Bild: Es zeigt einen Heckenschützen mit Gewehr im Anschlag. Darüber steht: „Crak! Crak! Crak!“

Gauker: Ah, das ist das berühmte Plakat, mit dem Herr Thape 1973 für Hübners Nachfolger warb: doppelseitig in allen deutschsprachigen Illustrierten.

Und es war eigentlich das Bühnenbild zur wohl bekanntesten Produktion dieser Zeit: Peter Zadeks Inszenierung von Schillers „Räubern“ 1966. Als der Kultursenator Moritz Thape (SPD) Hübner rauswarf und dessen Label zur Werbung für den Nachfolger missbrauchte: Da mussten Sie die Dokumente dieser Ära aus den Mülltonnen retten. Heute wird Hübner gefeiert. Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Gauker:Ach, über Hübners Qualitäten waren sich schon damals viele in der Stadt im Klaren. Nur Thape und sein Behördenchef Eberhard Lutze waren anderer Meinung. Und die Vergangenheit des Letzteren ist ja bekannt.

Nämlich?

Gauker:Er hatte sich in der NS-Zeit dadurch hervorgetan, dass er den Krakauer Marienaltar „heim ins Reich“ holte. Laut dem späteren Kultursenator Horst Werner Franke war sein Name noch im Jahr 1973 auf einer polnischen Kriegsverbrecherliste zu finden.

Herr Börgerding, Theater ist eine flüchtige Kunst. Können Sie beschreiben, wie sich die Hübner-Ära auf die heutige Bühnenästhetik auswirkt?

Börgerding:Vor dieser Zeit war Theater auf die Übersetzung von Texten fokussiert. Bei Hübner erhielt die Inszenierung einen eigenen Wert: Es handelt sich um den Beginn der Regie.

Den hätte ich schon bei Max Reinhardt zu Beginn des 20. Jahrhunderts vermutet.

Börgerding:Das ist richtig. Aber im Faschismus war diese Tradition der Regie und des Epischen Theaters abgebrochen. Wenn Sie heute Tonaufnahmen von Schauspielern aus den fünfziger Jahren abspielen: Da hören Sie den gehobenen Ton, wie er im Dritten Reich geprägt worden war. Als jüdischer Emigrant, der erst nach dem Krieg nach Deutschland kam, war Peter Zadek davon unbelastet.

Warum musste man dafür auf Peter Zadek warten? Zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und den Bremer „Räubern“ lagen immerhin 21 Jahre!

Börgerding:Schauen Sie sich nur die Ereignisse in der Gruppe 47 an, als ein jüdischer Schriftsteller wie Paul Celan auf völliges Unverständnis stieß. Der ganze Duktus war einfach noch lange vom Faschismus geprägt. Hinzu kam, dass viele traumatische Erlebnisse nicht verarbeitet wurden. Wenn man das berücksichtigt, sind 21 Jahre keine lange Zeit.

Herr Gauker, Sie sind damals als junger Mann von Ihren Eltern ins Theater geschleppt worden.

Gauker:Ich fand es richtig langweilig – bis Kurt Hübner kam! Der Grund für den Wandel ist schwer zu beschreiben, weil es mehr ein Gefühl war als eine rationale Erkenntis. Man spürte plötzlich, dass Theater Spaß machen kann.

Für den viel beschworenen „Bremer Stil“, gelten Zadeks „Räuber“ als Sinnbild…

Börgerding:Dabei war er später gar nicht mehr so stolz auf diese Inszenierung. Er hatte sich darüber geärgert, dass sie so stark von Wilfried Minks‘ Bühnenbild und den sehr auffälligen Kostümen dominiert wurde. Das widersprach eigentlich Peter Zadeks Stil, der möglichst psychologisch nackte Menschen auf der Bühne sehen wollte. Was aber bei den „Räubern“ damals so ungeheuerlich wirkte, war der Aufbruch der Jugend: ein Aufbruch, der auch ins Bösartige umschlägt. Diese Kraft schien regelrecht aus dem Nichts zu kommen.

Das Bühnenbild von Minks war völlig autonom: ein Wendepunkt?

Börgerding:Ob es ein Wendepunkt war, vermag ich nicht seriös einzuschätzen: gut möglich, dass es vorher schon Inszenierungen mit vergleichbaren Bühnenbildern gab. Aber die Übertragung von Kunst auf die Bühne war durchaus ein wesentlicher Aspekt dieser Zeit. Bühnenbildner waren vorher ja sehr funktionell: Da wurden im Dienste der Mechanik eines Stücks drei Wände und eine Tür hingestellt. Minks dagegen hat die Pop-Art mit dem Text konfrontiert.

Nach Peter Zadeks „Räubern“ hatte Peter Stein mit „Torquato Tasso“ Aufsehen erregt. In einer Kritik ist von „Respektlosigkeit gegenüber dem Klassiker“ und „Zerhackstückeln“ des Textes die Rede. Heute schimpft Stein auf die jungen Regisseure, die keinen Respekt mehr vor dem Text hätten. Wie erklären Sie sich das?

Börgerding:Von außen betrachtet nimmt hier jemand einen Weg vom Sturm und Drang zur Klassik für sich in Anspruch. Allerdings ist Stein jemand, der von einem Moment auf den anderen Gegensätzliches behaupten kann: Gerade noch ist er der Museumsdirektor der Theaterszene, gleich gibt er auch schon den Vorkämpfer für die Regie.

Gauker: Die Entwicklung von Sturm und Drang zur Klassik trifft auch auf Hübner zu. Seine eigenen Inszenierungen aus der frühen Zeit in Bremen waren kaum von Zadeks Arbeiten zu unterscheiden. Später dann wurde er immer klassischer. Was den „Tasso“ betrifft, so habe ich ihn damals als überschätzt empfunden: Steins Inszenierung von „Kabale und Liebe“ war viel interessanter.

Börgerding: Dieser „Tasso“ war immer noch von einer sehr geschlossenen Form geprägt. Die Interpretation findet da eher in den Spielweisen statt als in einer Technik des „Zerhackstückelns“, wie es heute vielleicht bei Frank Castorf zu finden ist.

Zu Steins Unbehagen gehört auch die These, dass zu Hübners Zeiten wenigstens noch eine Konvention herrschte, an der man sich reiben konnte – anders als heute.

Börgerding:Das ist der Preis einer ausdifferenzierten Gesellschaft, die alle Möglichkeiten des Ausdrucks toleriert. Diesen Zustand nehme ich als Vorteil wahr, und die verbreitete Sehnsucht nach einer Kunst, die alles verändert, ist mir suspekt.

Herr Gauker, Ihr letzter Theaterbesuch ist eine Weile her. Kann vor Ihrem Urteil ein Nachfolger Kurt Hübners überhaupt Gnade finden?

Gauker:Hübners Nachfolger, Peter Stoltzenberg, hatte natürlich ein schweres Erbe. Er wurde runtergemacht.

Börgerding: Dabei war er es, der George Tabori nach Bremen holte!

Gauker: Ja, aber dessen „Hungerkünstler“ wurde vom neuen Kultursenator Franke als „Psychoscheiß“ bezeichnet. Auch ich war auf Konfrontation eingestellt. Heute muss ich sagen: Ihm ist damals Unrecht geschehen.

Premiere von „War da was? Die Hübner Jahre“: am Freitag um 20 Uhr.

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