Die Schauspielhäuser der Region suchen in der kommenden Spielzeit den Anschluss an die Zukunft

Langsames Medium in schneller Zeit

Helene Hegemann statt Schiller und Kleist: In der kommenden Saison setzen die Schauspielhäuser im Nordwesten verstärkt auf neue Dramatik.

Von Johannes BruggaierSYKE (Eig. Ber.) · Wenn es stimmt, dass Klassiker immer dann gefragt sind, wenn die Gesellschaft nach dem Ausweg aus einer Krise sucht, stehen uns erfreuliche Zeiten bevor. Die kommende Spielzeit am Theater Bremen verläuft ohne Lessing, ohne Schiller, ohne Goethe, Büchner oder Kleist. Am Staatstheater Oldenburg: Kein Lessing, kein Schiller, kein Goethe oder Büchner.

Statt dessen: neue Dramatik. In Bremen etwa von Lukas Bärfuss („Die Reise von Klaus und Edith durch den Schacht zum Mittelpunkt der Erde“, Premiere am 10. Oktober). Oder auch ein Werk, das offenbar noch nicht einmal geschrieben ist: „Ein neues Stück“ lautet die lapidare Ankündigung für den 29. Januar. Hinzugefügt ist ihr der Hinweis, wonach „Theater ein langsames Medium in einer schnellen Zeit“ sei: „Die Reaktionsmöglichkeit auf aktuelle Themen, Ereignisse oder Diskussionen ist nur sehr eingeschränkt gegeben, wenn man sich bereits fast ein Jahr vor einer Premiere auf ein Stück festlegt.“

Derart brandneu muss es in Oldenburg nicht sein, immerhin verrät Hausautor Marc Becker bereits, dass sich sein Stück (Uraufführung am 10. September) mit der „Mitte der Gesellschaft“ befassen wird. Der Schweizer Musiker und Regisseur Thom Luz will sich derweil der Galionsfigur der Oldenburger Kunstgeschichte, Horst Janssen, widmen (Uraufführung am 6. Mai), während die Theatergruppe Analogue sich in ihrem Titel bislang auf ein schlichtes „Hm“ beschränkt (Uraufführung am 17. Juni 2011).

Nicht weniger als fünf Uraufführungen verspricht auch das Hamburger Thalia Theater, darunter Helene Hegemanns Pseudo-Skandal-Bestseller „Axolotl Roadkill“ als Bühnenstück. Überboten wird dies vom Lokalrivalen Deutsches Schauspielhaus, der sage und schreibe sieben taufrische Texte auf die Bühne bringt, unter anderem ein vom Hamburger Kollektiv „Studio Braun“ erarbeitetes Werk über den Kreml-Flieger Mathias Rust (Uraufführung am 21. Oktober).

In Sachen junge Dramatik ist das Schauspielhaus in Hannover geübt. Seiner ersten Spielzeit hatte der neue Intendant Lars-Ole Walburg noch ein hochambitioniertes Programm verpasst – und musste prompt einen massiven Einbruch der Zuschauerzahlen hinnehmen: Von 200 000 sank der Schnitt auf ganze 125 000 Besucher ab. Für die kommende Saison sind nun in Shakespeares „Romeo und Julia“ (Premiere am 11. September), Euripides‘ „Bakchen“ (ab 5. Dezember), Molières „Don Juan“ (8. Januar) und Goethes „Clavigo“ (11. Februar) immerhin vier Klassiker eingeplant.

Und ganz ohne solche sicheren Bänke der Theaterliteratur geht es natürlich auch in den anderen Städten des Nordwestens nicht. Sowohl am Theater Bremen als auch am Thalia Theater steht immerhin Shakespeares „Was ihr wollt“ auf dem Spielplan (2. September in Bremen, 27. November in Hamburg). Bei Friedrich Hebbels „Nibelungen“ (Premiere am 21. Januar) und Ödön von Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“ (5. Februar, beide in Bremen) handelt es sich zudem um Klassiker im erweiterten Sinn. Und wenngleich in Oldenburg die Klassik ihrer literarhistorischen Wortbedeutung nach auf Molières „Tartuffe“ (11. März) und Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ (20. März) beschränkt ist, sind darüber hinaus doch auch zwei Brecht-Produktionen angekündigt: „Die Dreigroschenoper“ läuft am 11. September an, „Baal“ zehn Tage später.

Am Hamburger Schauspielhaus ist eine spannende Kleist-Erkundung zu erwarten. Das vergleichsweise unbekannte Drama „Robert Guiskard“ feiert am 2. September Premiere, „Penthesilea“ folgt am 9. September. Bis 18. November schließlich will Dušan David Parizek Goethes „Götz von Berlichingen“ inszeniert haben.

Einen ungleich größeren Brocken nimmt sich am Thalia derweil Nicolas Stemann vor: Die ganze Spielzeit über probt der Regisseur am kompletten „Faust“. Die Premiere ist erst für die übernächste Saison geplant, einen kleinen „Einblick“ in den „Entwicklungsstand“ der Produktion will das Haus aber jeweils einmal im Herbst und am Ende der anlaufenden Spielzeit gewähren.

Neben der Hinwendung zu neuen Stoffen werden die regionalen Theater im kommenden Jahr eine weitere eigentümliche Gemeinsamkeit aufweisen: Mit der Premiere von Henrik Ibsens „Volksfeind“ am Theater Bremen (2. Juni) wird das Stück jetzt schon zum dritten – rechnet man das Staatstheater Braunschweig hinzu sogar zum vierten – Mal auf dem Spielplan stehen. Für die Niedersächsischen Staatstheater plant Hannovers Schauspielchef Walburg einen gemeinsamen Inszenierungsvergleich auf einer Wiese im Wendland. Weshalb die Bremer Kollegen von der Einladung offenbar ausgeschlossen sind, hat er bislang nicht verraten.

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