Europa durchtauchen: Künstlerhaus Bremen würdigt Klara Hobzas Lebensplan

Mit langem Atem

Trainingsprogramm für einen Tauchgang durch Europa. ·
+
Trainingsprogramm für einen Tauchgang durch Europa. ·

Bremen - Von Rainer Beßling. Es ist nicht schlecht, Pläne zu haben. Langfristige Perspektiven helfen, gegen Beschleunigung und Fremdbestimmung eigene nachhaltige Gestaltung zu setzen. Weitsicht und Ehrgeiz von Klara Hobza verblüffen allerdings dann doch.

„Europa durchtauchen“ heißt das Projekt der 1975 in Pilsen geborenen Künstlerin, das auf rund 30 Jahre angelegt ist und dessen Start derzeit die Galerie im Künstlerhaus Bremen dokumentiert. Wie kommt man auf eine solche Idee? Hobza entdeckte auf einer Landkarte, dass ein Wasserweg ganz Europa durchzieht: von der Nordsee über den Rhein, den Main, den Main-Donau-Kanal und die Donau bis zum Schwarzen Meer. Rein theoretisch schien der Plan also durchführbar zu sein. Hinter Erkundung und Entschluss stand eine Erfahrung von Fremdheit: Klara Hobza kam als Kind nach Deutschland, studierte in München, ging für rund zehn Jahre in die USA und kehrte 2009 nach Deutschland zurück. Und da fühlte sie sich alles andere als zurück in der Heimat.

Also überlegte sie, wie sie dem Kontinent wieder näher kommen könnte – und ihr Blick fiel auf den Flussverlauf. Europa mittels gängiger Vehikel zu bereisen, schien ihr ungeeignet für die leibhaftige Aneignung, von der sie sich neue Vertrautheit mit der Alten Welt versprach. Eintauchen in das Land – es reizte sie, das Sprachbild wörtlich zu nehmen. Ihre Aktion erinnerte sie an Einritzungen im Holzschnitt, der Wasserlauf als markantes Element der Physiognomie – der Blick einer Künstlerin eben.

So weit, so verlockend und ästhetisch gedacht. Doch bei der Umsetzung zählen andere Dinge. Drei kurze Filme im Künstlerhaus dokumentieren Karla Hobzas Anfangsbemühungen rund um die Rheinmündung. Professionell sieht das nicht aus. Sie müht sich gegen heftigen Seegang, über eine Buhne robbt sie mit überschaubarer Eleganz, unter Wasser strampelt sie in dunstiger Brühe, mehr geschüttelt, anrührend und komisch.

Doch der Tauch-Amateurin meint es ernst mit ihrem Plan. Sie arbeitet an ihrer Fitness und Schwimmtechnik. Ein Foto zeigt, wie Hobza in voller Tauchermontur in den Alpen unterwegs ist, Training in Höhenlagen. Einen Tauchlehrer konnte sie allerdings nicht finden, die Angefragten winkten kopfschüttelnd ab. Einen hat die Künstlerin auf ihre Seite ziehen können: Namik Ekin, einen türkischen Extremsportler, Judoka und Taucher, man könnte auch sagen. ähnlich verrückt wie Hobza.

Ekin stellte ihr ein Trainingsprogramm zusammen, das der Galeriebesucher nun nachlesen kann. Ein Video zeigt eine Übungseinheit der beiden: Eine Banane unter Wasser essen – Ekin ist schon mal rund zwei Tage auf Tauchtour gewesen, Essen und Schlafen inklusive, wie Kuratorin Stefanie Böttcher erzählt. Für Hobza sind solche Zeiträume noch Zukunftsmusik. Die Videos mit den Erstversuchen, von Sounds mit humorigen Zwischentönen begleitet, zeigt sie als Kürzeststrecken-Elevin.

Zu den Exponaten der Ausstellung gehört eine aufgesockelte Menge von Sauerstoff-Flaschen, die für die Tauchstrecke von Köln nach Bonn benötigt wird. Zu sehen sind auch Petitionen mit Unterschriften von Filmemachern, die Hobza helfen sollen, ihr Projekt als ein künstlerisches gegen Gesetzesauflagen und Widerstand von Ordnungskräften durchzusetzen. Gern gesehen wird das Dümpeln in Hafennähe nicht. Ungefährlich ist es auch, nur knapp hat sich Hobza vom Sog einer Schiffsschraube entfernen können.

Zum Aufgeben brachte sie die lebensgefährliche Situation nicht. Das Trauma hat sie in einer Bildtafel mit Stills aus ihren Unterwasseraufnahmen zu verarbeiten versucht. Die Farbfeldformation erinnert nicht zufällig an Gerhard Richter, bei dem deutschen Malerstar hat die gebürtige Tschechin einst studiert.

Wie man das Landerkundungs- und Selbsterfahrungsprojekt nun beurteilen mag, wie lange es anhält und wohin es buchstäblich führt, darf offen bleiben. Die Öffentlichkeit wird unterschiedlich beteiligt sein, durch Ausstellungen, Internet-Filme, wo möglich auch über direkte Anschauung. Was fasziniert, sind das Konzept und die Konsequenz der Bemühung. Ein Katalog zur Ausstellung dokumentiert andere Projekte von Hobza und darin ein imposantes Potenzial kreativen Umgangs mit Lebenssituationen. Die von ihr so empfundene Kommunikationsarmut in New York versuchte sie mit einer Morse-Anlage zu überwinden. Die von Europa eingeführte Staren-Plage in den USA wollte sie mit einem Vögel-Rückführungsplan wiedergutmachen. Wo andere abwinken, da greift Hobza zu.

Bis 10. 2.. Mi - So, 14 - 19 Uhr. Katalog: 39,90 Euro

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Meistgelesene Artikel

„Immer eisig, ewig dunkel“

„Immer eisig, ewig dunkel“
Bier, Boßeln, Bollerwagen: Diese Spiele rocken eure Kohlfahrt

Bier, Boßeln, Bollerwagen: Diese Spiele rocken eure Kohlfahrt

Bier, Boßeln, Bollerwagen: Diese Spiele rocken eure Kohlfahrt
"Ich bezeichne Homophobie als nackte Dummheit"

"Ich bezeichne Homophobie als nackte Dummheit"

"Ich bezeichne Homophobie als nackte Dummheit"
Inszenierung mit starken Schauwerten

Inszenierung mit starken Schauwerten

Inszenierung mit starken Schauwerten

Kommentare