„Das Weinen der Vögel“ überrascht mit seiner Perspektive

Lange Geschichte der Gewalt

Syke - Von Rolf Stein. Zugegeben, der deutsche Titel von Chigozie Obiomas zweitem Roman „The Orchestra Of Minorities“ (zu Deutsch: Das Orchester der Minderheiten) ist dann doch gar nicht so schlecht, auch wenn er ein bisschen nach Groschenroman klingen mag. Er ist ein wenig offener, ohne die vielschichtige Metapher des Buchs zu verraten. Allerdings könnte er, der Titel, auch falsche Hoffnungen wecken. Die Liebesgeschichte, die der nigerianische Autor Chigozie Obioma hier erzählt, beutelt ihre Protagonisten dann doch nicht nur zu sehr. Sie weiß auch noch einige andere, unbequeme Dinge zu berichten, die dann doch eher unromantisch sind.

Die Hauptfigur, von der Obioma aus einer ganz und gar ungewohnten Perspektive erzählt, ist der Geflügelbauer Chinonso. Jener ist im Grunde ganz zufrieden mit seinem Dasein. Bis er Ndali kennenlernt – nachdem er ihr im wahrsten Sinne des Wortes das Leben gerettet hat. Sie verlieben sich ineinander, doch Ndalis Familie ist wenig begeistert, dass der ungebildeter Bauer Chinonso ihre Tochter heiraten soll.

Auch wenn Ndali sich trotz allem zu ihm bekennt, will Chinonso die Demütigungen nicht hinnehmen, die ihre Eltern ihm zufügen, und schmiedet einen kühnen Plan: Mithilfe eines ehemaligen Schulkameraden will er in Europa studieren, um dann einen einigermaßen standesgemäßen Bräutigam abzugeben.

Dass alles ganz anders kommt, deuteten wir schon an – und dass es kein Happy End gibt, auch. Aber das sollten Sie wirklich selbst lesen. Zumal Obioma sehr gekonnt Chinonsos Geschichte als universelle und vor allem zeitgenössische Fabel erzählt. Dafür benutzt er eine Erzählerfigur, die zumindest aus westlicher Warte gänzlich neu erscheint: Die Stimme dieses Romans, der auf der Shortlist zum diesjährigen Booker Prize stand, gehört einem Chi, einem Schutzgeist aus der Igbo-Mythologie.

Chinonsos Chi ist Jahrhunderte alt und kann uns deshalb nicht nur von der Igbo-Kultur berichten, sondern auch von einer langen Geschichte von Migration, Sklaverei und Unterdrückung. Dabei ist dieser Chi kein allwissender Erzähler – was in seinem Schützling vor sich geht, weiß er nicht immer zu entschlüsseln. Dass allerdings eine lange, bis in die Gegenwart reichende Geschichte der Gewalt sehr viel damit zu tun hat, dass Chinonso sich am Ende schuldig macht, daran gibt es wenig Zweifel.

Obioma, der schon mit seinem Romandebüt „Der dunkle Fluss“ (im Original: „The Fishermen“) von sich reden machte, der es ebenfalls auf die Shortlist für den Booker Prize schaffte, erlaubt uns hier bisweilen niederschmetternde Einblicke in die Seele eines Mannes, der alles andere als ein Held ist. Der eine eigentümlich tiefe Zuneigung zu seinen Tieren pflegt, der aber auch blind vor Hass gegen seine Mitmenschen sein kann. Der Gewalt erleidet und fälschlich der Gewalt beschuldigt wird, bis er selbst zum Täter wird. Eine mitreißende Lektüre.

Lesen

Chigozie Obioma: „Das Weinen der Vögel“, Piper, 512 Seiten, Hardcover, 24 Euro.

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