Landesmuseum Oldenburg zeigt „Martin Luther und die Welt der Bilder“

Täglich mahnt die Schlange

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Kunst im Dienste der Reformation: Historische Abbildung des Turmbau zu Babels (1784).

Oldenburg - Von Johannes Bruggaier. In Syrien hauen Bilderstürmer im Namen Allahs die Zeugnisse heidnischer Kulturen in Stücke. Jahrtausende alte Skulpturen, unwiederbringlich in den Abgrund der Geschichte gestürzt: Von Europa aus verfolgen Historiker und Archäologen das Treiben mit ohnmächtigem Entsetzen. Ein Ausdruck spezifisch islamistischer Verblendung? Weit gefehlt: Bilderstürmer hat es zu allen Zeiten und in unterschiedlichsten Kulturen gegeben, auch im Christentum.

Vom zerstörerischen Wirken eifriger Reformatoren zeugen in unserer Region zahlreiche verstümmelte Objekte. In Bremen etwa hatte ein Theologe namens Christoph Pezel ganze Arbeit geleistet, woran noch heute das bis zur Unkenntlichkeit beschädigte Abendmahlsrelief in der Ansgarii-Kirche erinnert.

Dabei hatte der geistige Vater der Reformation gegen Bilder gar nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Mit Bildern, erkannte Martin Luther, ließen sich auch die zahlreichen Analphabeten in der mitteleuropäischen Bevölkerung erreichen. Womit auch schon der entscheidende Unterschied zur katholischen Ikonographie benannt wäre. Denn nicht dem Höchsten selbst war das Bild von nun an geweiht, sondern dessen sündigem Knecht auf irdischen Gefilden: Bilder als Lehrmaterial für ein gottesfürchtiges Leben, als Instrument des Mahnens und Warnens.

Eine Ausstellung im Niedersächsischen Landesmuseum Oldenburg zeigt auf, wie das Bild in den reformierten Alltag integriert wurde. Dabei fällt auf, wie umstandslos zentrale Bestandteile der katholischen Freskenmalerei in den Kanon der reformierten Bildsprache übernommen wurden, solange sie nur ins System passten.

Der Schwan beispielsweise, im Katholizismus oftmals mit der Jungfrau Maria assoziiertes Symbol der Reinheit, lugt nun in zahlreichen Martin-Luther-Porträts um die Ecke. Der so Gewürdigte, heißt es, habe an dieser Inszenierung seiner Person nichts auszusetzen gehabt.

Zur Standardausstattung eines reformierten Gotteshauses gehörte die Darstellung des Abendmahls, bevorzugt im Altarbereich. Das gemeinsame Brechen des Brotes rückte auf diese Weise in den Mittelpunkt des Gemeindelebens – der Ausschluss aus diesem Ritual kam damit einer sozialen Ächtung gleich. Wie ein Damoklesschwert schwebte das Abendmahlbild über den Häuptern der Gemeinde, als ständige Mahnung, sich dieses Rituals auch würdig zu erweisen. Und genau hier wird es interessant. Denn zum Ausschluss konnte schon genügen, die Gebühren für das Abendmahl nicht entrichtet zu haben. Was den einen ihr Ablasshandel, das ist den anderen ihre Gebührenordnung: Wer von säumigen Nachbarn wusste, war sogar dazu aufgerufen, diese beim Pastor zu denunzieren.

Es ist eine strenge Glaubenswelt, in die sich das Bild nach Luther einzufügen hat. Mal dient es der Belehrung, wie etwa in der „kleinen Bilderbibel“ von 1705, die Worte durch Bilder ersetzt, wo es nur geht. „Kan auch ein (Bild) seine (Bild) wandeln oder ein (Bild) seine Flecken? So könnt ihr auch Gutes thun, weil ihr des Bösen gewohnet seid!“, lautet der auf diese Weise bearbeitete Spruch aus dem Buch Jeremia. Bild eins zeigt nun einen Klischee-Wilden (im alten Testament „Mohr“), Bild zwei dessen abgezogene Haut, auf Bild Nummer drei ist ein geflecktes Hündchen zu sehen, das wohl eigentlich den „Leoparden“ meint.

Abseits der Bücher finden sich Bilder auf Kaminkacheln und Schranktüren. Besonders beliebt ist dabei der Sündenfall als stete Ermahnung der Ehefrau, sich nicht wie einst Eva von bösen Schlangen verführen zu lassen. Der Hausherr wird auf freundlichere Weise zu moralischem Handeln angehalten, ihm wird der weise König Salomon zum Vorbild für den Umgang mit Familie, Nachbarn und Beschäftigten empfohlen. Gleichwohl muss sich auch der Mann in seinem Alltag Bilder der Abschreckung gefallen lassen: Eine Rauchtabakdose aus den Niederlanden warnt mit einer Darstellung des Tanzes ums goldene Kalb vor dem Götzendienst.

Gilt noch heute manchem Kirchenvertreter die Reformation als glanzvoller Sieg über das finstere Mittelalter, so zeichnet die Oldenburger Ausstellung ein anderes Bild. Der Pranger, Sinnbild mittelalterlicher Bestrafungsrituale, kam auch nach Luther nicht aus der Mode, arme Sünder wurden mittels „Halseisen“ an die Leine gelegt: jeweils während des Gottesdienstes für eine halbe, eine ganze Stunde oder von Anfang bis Ende.

Wer es mit der Sünde allzu arg getrieben hatte, musste diese Prozedur mehrere Tage über sich ergehen lassen. Die Urteile dieser Zeit lassen erahnen, wie es zuging. Etwa im Jahr 1630 in Hammelwarden: „Braut und Bräutigam haben ihr Heiratsversprechen nicht eingehalten. Sie werden beide zu acht Tagen Halseisen verurteilt.“ Oder in Blexen: „Die Visitationskommission ordnet an, dass ein Sohn, der ungehorsam gegen seine Mutter war, 14 Tage lang in das Halseisen einzusperren ist.“ Zur Veranschaulichung der Konsequenzen solcher Gerichtssprüche hängt ein Originalexemplar dieses „Halseisens“ an der Wand. Rostig, wuchtig, eng: sieht ungemütlich aus.

Bis 12. Juli im Niedersächsischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg (Schloss). Öffnungszeiten: Di. bis So. 10-18 Uhr.

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