Landesmuseum Hannover beschäftigt sich mit Kolonialgeschichte

Es war ja nicht alles gestohlen

Die Aufteilung der Welt: Deutsche Ortsbezeichnungen fern der Heimat zeigt dieser Ausschnitt einer Schulkarte aus der Kolonialzeit. - Fotos: Landesmuseum Hannover

Hannover - Von Jörg Worat. Historiker und Soziologen, Politikwissenschaftler und Kunstfreunde: Sie alle werden mit einer ebenso spannenden wie verdienstvollen Ausstellung im hannoverschen Landesmuseum angesprochen. Die Schau „Heikles Erbe. Koloniale Spuren bis in die Gegenwart“ nähert sich einem schwierigen Thema auf vielfältige Weise.

Die vorwiegend in Afrika und im Pazifik gelegenen deutschen Kolonien gab es erst vergleichsweise spät, nämlich ab 1884, und nicht sonderlich lange, mussten sie doch mit dem Versailler Vertrag von 1919 abgetreten werden.

Bis heute ist der fragwürdige Glaube verbreitet, der deutsche Kolonialismus sei „besser“ gewesen – eines von zahlreichen Themengebieten, die das Landesmuseum anschneidet. Mit dem erklärten Ziel, die eigene Sammlung in den Mittelpunkt zu stellen und kritisch unter die Lupe zu nehmen: Die meisten Exponate stammen aus dem eigenen Haus.

Symbolisch steht eines davon an der Schnittstelle von Anfang und Ende des Rundgangs: eine sogenannte „Colon-Figur“ in soldatischer Gewandung, die offenbar ein indigenes Mitglied der deutschen „Schutztruppe“ darstellt. Bei der Recherche über die Herkunft kam es zu Ungereimtheiten. Nach gängiger Lesart hat Gouverneur Jesko von Puttkamer das Objekt bei einer Strafexpedition 1911 in Kamerun erbeutet. Das kann, wie sich inzwischen herausstellte, so nicht stimmen, da von Puttkamer das Land bereits 1905 verlassen hatte. Auch stilistische Eigenarten erschweren die Erkenntnis, woher genau die Figur eigentlich stammt und wann sie wie in welche Sammlung gekommen sein mag – nur ein Beispiel dafür, wieviel Forschungsarbeit bei diesem Thema noch erforderlich ist.

Keine Kunst im herkömmlichen Sinne: Tanzhelm aus Togo.

Die Schau lässt keinen Gesichtspunkt aus, schon gar nicht den rassistischen: Da werden etwa Garne mit dem Slogan „Farbecht wie der Neger“ angepriesen oder auf einem Foto dem dunkelhäutigen Mädchen neben der Ordensschwester die Worte „O guter Weißer, erbarme dich – kaufe mich, ich bet’ für dich“ in den Mund gelegt. Auch die Aufstände und die kolonialen Strafexpeditionen sind Thema der Ausstellung, die indes jederzeit die Balance hält; so wird beispielsweise deutlich, dass die gezeigten Objekte keineswegs immer durch Diebstahl, sondern vor allem auch durch Handel und Tausch in die jeweiligen Sammlungen kamen.

Die damit gekoppelten Biografien kann man hier ebenfalls verfolgen, und neben berühmten und teils berüchtigten Namen wie Rudolf von Bennigsen oder Carl Peters finden sich viele weit weniger geläufige, darunter die bizarre Geschichte des hannoverschen Millionärssohns Bruno Mencke. Dessen selbstbewusst proklamierte „Erste Deutsche Südsee-Expedition“ fand durch seine Ermordung im Jahre 1901 auf der Insel Mussau ein vorzeitiges Ende. Bei der folgenden Vergeltungsaktion sollen 81 Einheimische, darunter Frauen und Kinder, getötet worden sein. Die Sammlungsgegenstände sind, selbst wenn sie im herkömmlichen Sinne nicht unbedingt als Kunst bezeichnet werden können, oft von eindringlicher Ästhetik. Diese Figuren, Masken, Werkzeuge schaut man sich gern an, und angesichts solch ausdrucksstarker Exponate wird sehr verständlich, weshalb etwa Picasso einst so stark von diesen Kulturkreisen beeindruckt war und die „wunderbare Einfachheit“ rühmte: „Sie ist verloren gegangen, weil der Mensch aufgehört hat, einfach zu sein“, meinte der Meister.

Dieses Zitat ist nicht in der Ausstellung präsent, ein anderes prangt unübersehbar an einer Wand: „Das Endziel jeder Kolonisation ist, von allem idealen und humanen Beiwerk entkleidet, schließlich doch nur ein Geschäft“, lautet es und stammt von Theodor Gotthilf Leutwein, in den Jahren um die Jahrhundertwende Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika (dem heutigen Namibia) und Kommandeur der kaiserlichen „Schutztruppe“. Das Schrecklichste an diesen Worten ist, dass sie womöglich stimmen.

Woraus sich unmittelbar die Frage ergibt, ob wir heute in gänzlich postkolonialen Zeiten leben. Ihre Zweifel haben diesbezüglich zeitgenössische Kunstschaffende aus Hawaii, die im Landesmuseum eine Auswahl ihrer Arbeiten zeigen. Hier wird klar, dass dieser jüngste Zuwachs im Staatenbund der USA eher als Annexion mit ausgeprägtem Identitätsverlust verstanden wird. Bestechend fällt dabei die stilistische Bandbreite aus. So wirken Kapulani Landgrafs Collagen, bei politischer Kunst durchaus legitim, sehr plakativ – wenn es um Bombentests und massive Abzweigung von Frischwasser zu Lasten der einheimischen Bevölkerung geht, sieht man Granaten und Rohrleitungen. Hintergründiger und höchst individuell arbeitet Maika’i Tubbs, der sonderbare Ansammlungen von Objekten zwischen Naturhaftem und Künstlichkeit herstellt. Da scheinen sich Plastikflaschen in Steinen zu befinden, und immer wieder taucht die Frage nach dem Wert der Dinge auf – ist etwa jene attraktive Kristallstruktur ein Edelstein oder billigster Kunststoff?

Die Ausstellung läuft bis zum 26.2.; der üppige, sehr informative und bilderreiche Katalog kostet 29,90 Euro.

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