Siegfried Lenz reflektiert in neuen Erzählungen die kleinen Begebenheiten des Alltags

Kunst zerstört das Liebesglück

+
Kreiszeitung Syke

Syke - Von Johannes BruggaierAls Museumswärter Detlev Krell eines Morgens die Tür zur Dauerausstellung aufschließt, sieht er dort, wo gestern noch Gemälde hingen, bloß noch die weiße Wand. Ein Dieb ist über Nacht eingebrochen, hat drei der wertvollsten Exponate entwendet: ein Glückstag für Detlev Krell.

Es sind die unverhofften Gelegenheiten, aus denen Siegfried Lenz seine Stoffe bezieht. Gelegenheiten, die andere ungenutzt verstreichen lassen, deren Bedeutung sich nur mit einem besonderen Gespür für den günstigen Augenblick erahnen lässt: ein Gespür, über das Figuren wie Museumswärter Krell verfügen. Kurzerhand hebt er sein noch vorhandenes Lieblingsbild von der Wand, „Antonia mit dem blauen Schal“, angeblich aus dem Atelier eines El-Greco-Schülers. Er verstaut es an einem geheimen Ort und schlägt dann Alarm. Tage später hängt es bei Krells zuhause über dem Esstisch.

Ein perfider Plan, wäre da nicht Ehefrau Sandra. Dass sie sich ihr Wohnzimmer künftig mit einer so reizenden Gestalt wie Antonia teilen soll; an diesen Gedanken mag sie sich nicht gewöhnen. So wird aus dem Coup ein Eifersuchtsdrama, eine Tragödie über die Wirkung von Kunst.

In einer anderen Erzählung bedarf es schon massiveren Körpereinsatzes, um die günstige Gelegenheit beim Schopfe zu packen. Sie ist nämlich eingesperrt, verborgen hinter den schweren Stahltüren eines Schiffscontainers. In einem Sturm ist er offenbar über Bord gegangen. Jetzt liegt er am Strand und will seinen Inhalt nicht preisgeben, so sehr die jungen Männer aus dem Küstendorf auch daran rütteln. Aber dann gelingt es ihnen doch, und zum Vorschein kommen kunstvoll gestaltete Tiermasken.

Viel Geld mag sich damit zwar nicht erzielen lassen, immerhin aber ist für den Abend in der Dorfkneipe „Blinkfeuer“ die Stimmung gerettet. Anstelle der immer selben Runde aus Opa Klaas, Hauke Just und dem Netzmacher Asmussen sitzen dort jetzt Frösche, Bären, Enten am Tresen – und mittendrin Ich-Erzähler Jan mit einem Drachenkopf. Das ist mal was anderes, zunächst natürlich rein optisch, dann aber auch in der Wirkung auf die Gemeinschaft. Unter dem Schutz der Maske nämlich finden langjährige Intimfeinde unversehens wieder zueinander. Außenseiter des Dorfes erfahren endlich einmal Beachtung. Und Jan lernt die große Liebe kennen.

Wenn Lenz in den kleinen Begebenheiten des Alltags die großen Fragen der Menschheit spiegelt, droht das immer ins Belehrende, Naive, Klischeehafte abzugleiten. Kaum aber glaubt man, die didaktische Botschaft verstanden zu haben, treten unvermutete Wendungen ein. Es sind eigentümliche Begebenheiten, die scheinbar im Widerspruch zur Handlung stehen, bei näherer Betrachtung aber den Gesamtzusammenhang überhaupt erst erschließen.

Das junge Liebesglück etwa, das im grotesken Masken-Abend seinen Ausgang nimmt: Es findet ein überraschendes Ende, als sich Jan mehr beiläufig von einer Zeichnerin porträtieren lässt. „Ja, das bist du, Jan“, murmelt seine Freundin beim Betrachten des fertigen Porträts. Und als sei ihr damit ein großer Irrtum aufgegangen, geht sie wortlos davon, ohne sich wieder blicken zu lassen. Auch hier also wieder: eine Tragödie über die Wirkung von Kunst.

„Was Worte nicht sagen können“, heißt es an einer Stelle, „sagt der Ausdruck des Gesichts“. Lenz zeichnet mit Worten Gesichter – und sagt damit auch das, was unsagbar scheint.

Siegfried Lenz: „Die Maske“, Erzählungen; Hoffmann und Campe Verlag: Hamburg 2011; 128 Seiten; 17,99 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Was Jugendliche über K.o.-Tropfen wissen sollten

Was Jugendliche über K.o.-Tropfen wissen sollten

Das sind die neuen Motorräder für 2020

Das sind die neuen Motorräder für 2020

Auf der Spur des Weihrauchs im Oman

Auf der Spur des Weihrauchs im Oman

Wie werde ich E-Commerce-Kaufmann/frau?

Wie werde ich E-Commerce-Kaufmann/frau?

Meistgelesene Artikel

Mehr Metal für Bremen: Hellseatic-Festival kommt 2020 an die Weser

Mehr Metal für Bremen: Hellseatic-Festival kommt 2020 an die Weser

Einmal Virtualität und zurück

Einmal Virtualität und zurück

Entwickelter Alltag

Entwickelter Alltag

Prima Madonna

Prima Madonna

Kommentare