Sticker in der Kunst: Das Bremer Studienzentrum für Künstlerpublikationen präsentiert flüchtige und beiläufige Bildträger

Kunst kann auch kleben bleiben

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Timm Ulrichs‘ Beitrag fürs Straßenbild. ·

Bremen - Von Tim SchomackerKunst braucht Dinge, um gemacht zu werden. Kunstdinge wie Farbe, Pinsel oder Note. Oder auch anderes. Von diesem anderen gibt es zwei Gruppen.

Eine Zahnbürste etwa ist, wenn man sie zum Instrument oder Teil einer Installation macht, immer noch Zahnbürste. Anders bei Aufklebern. Die liegen nicht blanko im Haus rum, sind eher ein Prinzip. Das realisiert werden will: Indem man was draufdruckt und sie verteilt. Nicht unähnlich den Buchstabenformen und -folgen bei Graffitis.

Eine Auswahl dieser mehr oder weniger selbstklebenden Kunst-Produkte zeigt die Ausstellung „Sticker in der Kunst“ in der Bremer Weserburg. Zwei dokumentierende Räume reichen von Warhols Bananen-Plattencover für Velvet Underground über Klaus Staecks Material für politische Kampagnen („Stoppt Dregger“, Ältere werden sich erinnern) bis zu gedruckten (und noch nicht geklebten) Exemplaren. Auf einem steht: „uns gefällt alles.“ In einem dritten Raum verewigt sich die Shortlist des diesjährigen „International Sticker Award“ – mediumsgetreu auf Zeit.

„uns gefällt alles.“ hat Andreas Ullrich drucken lassen. Er ist Teil einer Street Art Gruppe, seit 2005 Mitorganisator des Aufkleberjahrespreises und als solcher diesmal Ausstellungspartner des Studienzentrums für Künstlerpublikationen. Früher wie heute ist die Stoßrichtung – bei aller Vielfalt im Ergebnis – ähnlich. Der Zielraum war ein öffentlicher (Zigarettenautomat), vielleicht ein privater (Jugendzimmerschrank), aber kein musealer. Die (meist) knapp bemessene Fläche fordert Pointensicherheit. Der Aufkleber als Medium ist flüchtig – weil man eben dran vorbeiläuft. Augenwinkelsache. „No Eye Contact“ steht auf einem Sticker, der im Haufen in einer Glasvitrine liegt. Passenderweise halb verdeckt von etwas anderem.

Simpel und freudvoll findet die Ausstellung immer wieder neue Zugänge zum Widerspruch von Draußenwelt und Museumsdrinnen. Ein vollgeklebter leibhaftiger Zigarettenautomat enthält bei näherem Hinschauen eine Legende; die Schildchen, mit denen „Totalkünstler“ Timm Ulrichs einmal halb Hannover zuballerte, hübsch gereiht und gerahmt; die akkurat datierten Fremdstickersammelalben von Ruppe Koselleck sind schon Künstlerbücher; auf einer Fotowand lässt sich der suchende Blick für den nächsten Stadtspaziergang schulen – und findet die politisch intelligenten wie typographisch ganz feinen Arbeiten des schweizerischen „CCC“-Kollektivs. Monitore eines angedeuteten Computerschrotthaufens zeigen die Einreichungen der bisherigen „Sticker awards“. Mit Bildern von Klebern in internationalen Stadtbildern.

Bis 5.2.2012, Weserburg

Bremen, Teerhof 20.

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