Sprengel-Hannover zeigt „How To Survive. Kunst als Überlebensstrategie“

Kunst, die wehtun kann

Eine Frage des Überlebens: Schüler in New York protestieren gegen Waffengewalt an Schulen, fotografiert von An-My Lê.
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Eine Frage des Überlebens: Schüler in New York protestieren gegen Waffengewalt an Schulen, fotografiert von An-My Lê.

Hannover – „How To Survive“: Man kann sich kaum einen Ausstellungstitel vorstellen, der besser in die Zeit passt. Dabei gab es die ersten Planungen für die Schau im Sprengel-Museum schon, als von Corona und „Fridays For Future“ noch keine Rede war. Die spektakuläre und teils erschütternde Präsentation mit dem Untertitel „Kunst als Überlebensstrategie“ ist jetzt eröffnet worden – zunächst mit Online-Einführungen.

„Ausgangspunkt war für mich die Beschäftigung mit dem Werk von Gustav Metzger“, erläutert Kuratorin Carina Plath. Der 1926 in Nürnberg als Sohn jüdischer Eltern geborene, später staatenlose Künstler, der 1939 mit einem Kindertransport nach England kam und 2017 starb, hat in seinen Arbeiten schon früh das Destruktionspotenzial der Jetztzeit gespiegelt. Zwischenzeitlich war Metzger, zu dessen Schülern übrigens einst Pete Townshend von „The Who” gehörte, eher ein Geheimtipp, bis 2012 die Documenta sein Werk wieder mehr in den Fokus rückte. Die Arbeiten sind oft radikal und können wehtun: Im Sprengel-Museum steckt etwa ein umgedrehter Baum in einem Betonklotz, die Wurzeln, für Carina Plath „wie flehend“, nach oben gereckt.

„Teilweise sind sehr persönliche Erfahrungen in die künstlerischen Positionen eingeflossen“, betont die Kuratorin und verweist beispielhaft auf das Werk von Alina Szapocznikow. Die im gleichen Jahr wie Metzger geborene Polin war während des Zweiten Weltkriegs in mehreren Konzentrationslagern und Ghettos interniert und ließ sich später in Paris nieder, wo sie, erst 46-jährig, an Krebs starb. Ihre Arbeiten wie die kleinformatigen „Tumor-Skulpturen“ haben mit den gängigen Vorstellungen von Ästhetik wenig zu tun. Am harmlosesten wirken da noch die Fotos von Kaugummis, entstanden aus der Erkenntnis, „was für eine außerordentliche Sammlung abstrakter Skulpturen sich da zwischen meinen Zähnen bewegte“ – so die Formulierung der Künstlerin selbst. Die Gebilde wirken hier jedenfalls, als könnten sie die Vorlage für kommende Folgen der „Alien“-Filmreihe bilden.

Eines herkömmlicheren Mediums bedient sich An-My Lê, und ihre Fotografien stehen zudem formal durchaus in der US-amerikanischen Tradition. Doch spielt der biografische Aspekt hier eine große Rolle: Lê ist 1960 in Saigon geboren und kam mit ihrer Familie 1975, im letzten Kriegsjahr, als politischer Flüchtling in die USA. Sie stellte sich später der eigenen Vergangenheit, indem sie Manöver der amerikanischen Armee besuchte und den dabei entstehenden Schwarzweiß-Aufnahmen durch ausgeprägte Einbindung der Landschaft eine seltsame Ambivalenz verlieh. Lês neuere Farbfotografien wiederum spiegeln in dokumentarischer Manier gesellschaftliche Zu- und Missstände; zu sehen sind etwa Schüler, die 2018 in New York gegen Waffengewalt protestieren.

Fast schon ein Klassiker ist das 1995er-Video „Why I Never Became A Dancer“ von Tracey Emin, die hier ihre Probleme beim Aufwachsen in der Provinz reflektiert. Anders geht die Mexikanerin Berenice Olmedo, Jahrgang 1987, das Thema Tanz an: Sie zeigt vier Installationen aus Kinderorthesen und Spitzenschuhen; eines dieser Exponate wird per Motor in Bewegung versetzt. „Das Handicap“, erweitert Carina Plath die Interpretation, „ist für diese Künstlerin auch ein gesamtgesellschaftliches Phänomen.“

Mag die Coronakrise auch nicht der ursprüngliche Impuls für die Ausstellung gewesen sein, so scheinen manche Künstler doch darauf zu reagieren. Beim Hausmodell des gebürtigen Franzosen und Wahlberliners Jean-Pascal Flavien jedenfalls sind solche Gedanken naheliegend: Es ist unbegehbar und vermittelt hermetisch-klaustrophobe Anmutungen, ohne dabei andererseits im eigentlichen Sinne hässlich daherzukommen.

Einigermaßen exzentrisch wirkt schließlich das Treiben der Wienerin Martina Kresta. Sie zeichnet freihändig Kreisformen und legt dabei viel Ausdauer an den Tag: „Beendet“, erläutert Kuratorin Plath, „ist eine Arbeit erst, wenn die Feder abbricht.“ Mal verwendet die Künstlerin Tusche, mal das eigene Blut, und als sie feststellte, dass sich zuweilen Fliegen am noch nicht eingetrockneten Lebenssaft gütlich taten, sammelte sie die Tiere nach deren Tod ein, um sie im Objektkasten zu präsentieren.

Fazit: Die hier vorgestellten 13 Positionen bilden eine eigenwillig gestaltete, zumindest teilweise widerborstige Ausstellung, die für Diskussionsstoff sorgen könnte. Und der man nicht anmerkt, dass ursprüngliche Pläne durch die Coronakrise immer wieder über den Haufen geworfen wurden – Kuratorin Plath weiß von Künstlern, die nicht anreisen konnten, zu berichten, von explodierenden Transportkosten und von Privatsammlern, die niemanden mehr in ihre Wohnung lassen wollten. Natürlich hatte man sich auch die Präsentation anders vorgestellt: Zurzeit sind im Netz Grußworte und Kurzeinführungen zu sehen – das Angebot soll in der Folge ausgebaut werden, so ist die Schau Ausgangspunkt für eine Online-Nacht am 20. November von 20 bis 1 Uhr.

Und natürlich ist zu hoffen, dass ab dem 1. Dezember wieder leibhaftige Besuche möglich sind. Es macht auf jeden Fall einen Unterschied, ob man etwa die Wandschrift von David Horvitz, der in Los Angeles lebt und beim munteren Spiel mit der eigenen Biografie immer neue Geburtsdaten in Umlauf bringt, am Bildschirm oder vor Ort betrachtet: „if you keep looking the other way there will be soon no other way to look“ heißt es da – geschrieben mit Holzkohle aus den verbrannten kalifornischen Wäldern.

Von Jörg Worat

Hat wenig mit gängiger Ästhetik zu tun: „Tumor-Skulptur“ von Alina Szapocznikow.

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