Diskussion über Bremer Kneipen- und Clubszene

"Um die Kultur lohnt es sich zu kämpfen"

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Per Livestream übertrugen die Veranstalter die Podiumsdiskussion aus der Alten Schnapsfabrik nach draußen. Drinnen gab es keine Platz mehr.

Bremen - Von Pascal Faltermann. Kulturwerte, Lärmschutzgesetze, Gentrifizierung sowie Probleme der Kneipen- und Clubszene in Bremen - die Themen sind groß und komplex.

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Die Suche nach Lösungen für die Bremer Kultur- und Clubszene

Livemusik am liebsten leise

Die Debatte dreht sich um ein Wirrwarr aus Auflagen, Beschwerden, Verordnungen und immer wieder: Baupläne und Baurechte. Die Diskussionsmasse der Podiumsdiskussion am Dienstagabend im Karton in der Alten Schnapsfabrik ist vielfältig, teils vereinfacht, oft jedoch recht kompliziert. Unter dem Titel "Wie wichtig ist eine lebendige Kultur- und Clubszene für den Wirtschaftsstandort Bremen?" sitzen neben den Initiatoren des Clubverstärkers, Norbert Schütz (Litfass und Vorsitzender) und Julia von Wild (freie Kulturmanagerin), fünf weitere Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Ämtern auf der kleinen Bühne. Lösungen werden gesucht, die kulturelle Vielfalt zu erhalten.

In dem etwa 150 Personen fassenden Karton sind Carsten Werner (Sprecher für Kulturpolitik und Stadtentwicklung Die Grünen), Andreas Kottisch (Sprecher für Wirtschaftspolitik, SPD), Marita Wessel-Niepel (Amtsleiterin Stadtamt Bremen), Carsten Meyer-Heder (Team Neusta, Unternehmer des Jahres 2014) und Jens Oppermann (Sprecher der SPD Fraktion im Beirat Neustadt) zu Gast. Da nicht alle Zuhörer Platz gefunden haben, wird das Geschehen per Livestream nach draußen übertragen, wo weitere 150 Menschen stehen. Fernseher und Lautsprecher außerhalb – das ist Thema. Kulturschaffende, Veranstalter und Interessierte sind gekommen und sie sind in ihrer Meinung vereint. Fast zu viel Einigkeit herrscht auf dem Podium. Statt Diskussion entsteht eine Darstellung der verschiedenen Sichtweisen auf das Problem.

Den stärksten Impuls gibt zu Beginn der Veranstaltung der freie Schriftsteller und Redner Sönke Busch. Er liefert eine detaillierte Beschreibung des Lebens zwischen Lila Eule und Lagerhaus in der Bernhardstraße. In seiner Ansprache sind aber auch verschiedene Aspekte für eine Kulturdefinition in Bremen verpackt. „Der Stil der Läden, die Geschichte, die Liebe der Betreiber zu ihren Orten und ihren Inhalten ist es, der diesem abendlichen und nächtlichen Miteinander eine kulturelle Komponente verleiht“, betont er. Man könne die Kultur an sich nicht ablehnen. Kultur sei alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt, erklärt er weiter. Vorab gab es vom Verein Zuckerwerk Kritik am Titel der Veranstaltung, die suggeriere, das Kultur und Clubs sich hierbei einer rein wirtschaftlichen Logik unterordne. Busch sagt dazu: „Kultur ist nicht ein Teil unserer Wirtschaft. Wirtschaft ist nur ein Teil unserer Kultur. Um die Kultur lohnt es sich zu kämpfen“

Kultur sei nicht Musik, Literatur, Malerei, Schauspiel oder Theater. Kultur sei die Art und Weise, wie Menschen miteinander umgehen und vor allem der glücklich erleuchtete Mensch, wenn er aus Läden wie Zucker, Treue, Güterbahnhof, Friese, Bermudadreieck oder sogar dem Stubu am Morgen komme.

Eine Definition für die Kultur in Bremen zu finden, ist auch das Anliegen des Grünen-Politikers Werner: „Es gibt auch Kunst, die einfach nur Kunst ist und diese braucht Räume.“ Damit rennt er bei Julia von Wild offene Türen ein. Sie wünscht sich wiederholt am Abend mehr Orte und Räume für Musiker in der Stadt: „Livemusik braucht Spielstätten“, fordert sie und verweist auf vorhandene Lautstärke-Drosselungen und Auflagen für Clubs, die zwingend zu weniger Auftrittsmöglichkeiten führen. Dafür brauche man Lösungen. Direkt davon betroffen ist Litfass-Chef Schütz, der statt mehr als 30 Konzerten im Jahr 2014 mittlerweile nur noch acht veranstalten darf. Eine Auflage, die auch Stadtamtsleiterin Wessel-Niepel bestätigt, aber auf das Bauamt verweist, da die Bauordnung mittlerweile festlege, was in den jeweiligen Locations möglich sei. Das Litfass sei eine Schankwirtschaft und keine Vergnügungsstätte, dies zu ändern sei aber schwierig. Nicht gerade einfach ist es auch, Veranstaltungen überhaupt anzumelden. „Wenn ich eine Außenveranstaltung organisiere, laufe ich zu fünf verschiedenen Ämtern“, so Schütz. Das müsse einfacher werden. Da stimmt ihm Wessel-Niepel zu, sie versuche bereits mit einer Arbeitsgruppe dies zu ändern und zu vereinfachen.

Die einzige Klage, die derzeit vor dem Verwaltungsgericht sei, ist laut Wessel-Niepel die gegen das Stadtamt selbst. Das Amt hatte die Sperrzeit am Donnerstag für die Studentennacht in der „Lila Eule“ aufgehoben. Eine Veranstaltung, die es seit Jahren gibt. Dagegen klagt nun ein Anwohner. In diesem Zusammenhang verweisen die Diskussions-Teilnehmer auf die soziale Aufgabe der Kneipen und Clubs. Robert Bücking, langjähriger „Viertel-Bürgermeister“, veranschaulicht: „Wenn es keine Gastwirte mehr gibt, die den Erstsemestern erklären, wie man sich im Viertel verhält, haben wir ein Problem.“

Podiumsdiskussion zur lebendigen Kultur- und Clubszene Bremens

Bilder der Podiumsdiskussion zur lebendigen Kultur- und Clubszene Bremens. © Faltermann
Bilder der Podiumsdiskussion zur lebendigen Kultur- und Clubszene Bremens. © Christian Tipke
Bilder der Podiumsdiskussion zur lebendigen Kultur- und Clubszene Bremens. © Christian Tipke
Bilder der Podiumsdiskussion zur lebendigen Kultur- und Clubszene Bremens. © Faltermann
Bilder der Podiumsdiskussion zur lebendigen Kultur- und Clubszene Bremens. © Faltermann
Bilder der Podiumsdiskussion zur lebendigen Kultur- und Clubszene Bremens. © Faltermann
Bilder der Podiumsdiskussion zur lebendigen Kultur- und Clubszene Bremens. © Faltermann
Bilder der Podiumsdiskussion zur lebendigen Kultur- und Clubszene Bremens. © Faltermann
Bilder der Podiumsdiskussion zur lebendigen Kultur- und Clubszene Bremens. © Faltermann
Bilder der Podiumsdiskussion zur lebendigen Kultur- und Clubszene Bremens. © Faltermann
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Was bleibt am Ende? Moderator Malte Prieser vom Verein Clubverstärker empfiehlt eindringlich von Gentrifizierung-Beispielen wie dem Hamburger Schanzenviertel oder dem Berliner Kreuzberg zu lernen und die Weichen zu stellen, dies in Bremen besser zu machen. Die Politiker Kottisch und Werner versprechen diese Debatte am Leben zu halten und in ihre Parteien zu tragen sowie die Kommunikation zwischen den verschiedenen Parteien – Clubs und Anwohner – zu fördern. Einen ganz konkreten Vorschlag trägt Karin Garling (kulturpolitische Sprecherin der SPD) aus dem Publikum vor: Sie arbeite mit Experten daran, die rechtlichen Bedingungen zu Baurechten, Verordnungen und Ausweisung von Kulturbereichen aufzulisten und nach Instrumenten zu suchen, die Problematik zu lösen. „Die Schrauben sollen gelockert werden und das Litfass wieder mehr Konzerte veranstalten.“

Eine konkrete Lösung oder Strategie entsteht an diesem Abend nicht, aber eine bessere Zusammenarbeit zwischen den Betroffenen und Kommunikation mit den Anwohnern wünschen sich alle.

Hintergrund

Die Kritik des Zuckerwerks

Die komplette Rede von Sönke Busch im Wortlaut

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