Lachen, bis das Licht ausgeht: Mit Peter Shaffers „Komödie im Dunkeln“ schwimmt das Theater auf der Gute-Laune-Welle

Kultur in Bremen: Gute Nacht!

Auch der Teppich muss raus: Carol (Franziska Schubert) und Brindsley (Thomas Hatzmann) nutzen die Dunkelheit zum Abtransport. Carols Papa (Gerhard Palder) erholt sich von einem Sesselsturz, während Nachbar Harold (Tobias Beyer, l.) der Durchblick fehlt.

Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) · Noch vor der Pause knallen die Türen. Was im Bremer Theater inzwischen geboten wird, ruft ein Besucher erregt, sei eine Unverschämtheit. In diesem Haus hätten immerhin einst „Otto Ganz“ und „Bruno Sander“ gespielt. Revolte am Goetheplatz? Nein, nein: Der empörte Gast mit Namensschwäche war nur ein Schauspieler.

Nun erscheint die aktuelle Situation am Theater Bremen nicht unbedingt dazu geeignet, sich über vermeintlich rückständige Zuschauerreaktionen lustig zu machen. Im Angesicht des finanziellen Notstands hat man zuletzt George Tabori durch Michael Jackson ersetzt, und statt des eigentlich vorgesehenen Shakespeare-Lustspiels gibt es jetzt die „Komödie im Dunkeln“: Da steht das Wort Komödie schon im Titel, was sich auf den Kartenverkauf auswirken soll. Brot und Spiele also, Anspruch ist da erstmal nicht so wichtig.

Wie sein Name schon verrät, spielt das Stück von Peter Shaffer im Dunkeln; was zunächst einmal eine anstrengende Angelegenheit zu werden verspricht. Dass sich das Bühnengeschehen dennoch über weite Teile des Stücks bequem verfolgen lässt, ist einem Kunstgriff zu verdanken, den sich der britische Dramatiker von der Pekingoper abgeschaut haben soll. Shaffer kehrt die Lichtverhältnisse einfach um: Gehen auf der Bühne die Scheinwerfer aus, ist es laut Dramentext hell – gehen sie wieder an, tappen die Schauspieler hilflos in einer imaginären Finsternis umher. Andere Klippen hat der Autor nicht so elegant zu umschiffen vermocht.

Die „Komödie im Dunkeln“ wimmelt nur so von Unwahrscheinlichkeiten und bemühten Konstruktionen. Da erwartet der junge Künstler Brindsley Miller in seiner Bruchbude gleich im Doppelpack hohen Besuch. Erst den künftigen Schwiegervater. Dann den Kunstsammler George Godunow. Ausgerechnet an diesem Tag fällt der Strom aus, weder Sicherungen noch Taschenlampen, Kerzen oder Streichhölzer sind aufzutreiben. Den Abend in der Kneipe um die Ecke zu verbringen und für die Besucher einen Zettel an die Tür zu heften: Das fällt ihm nicht ein. Stattdessen hockt Brindsley mit seiner Braut Carol und deren Papa in der Finsternis auf Möbeln, die er zuvor von seinem Nachbarn stehlen musste. Dieser nämlich würde die guten Stücke aus unerfindlichen Gründen niemals ausleihen. Natürlich kommt der empfindliche Herr Nachbar ausgerechnet heute aus dem Urlaub zurück, weshalb Miller die widerrechtlich entliehenen Möbel im Dunkeln nach nebenan tragen muss, hoffend, dass derweil weder Nachbar noch Schwiegervater den Betrug bemerken. Natürlich richtet er dabei allerlei Unheil an. Am Ende taucht auch noch die heimliche Geliebte des Künstlers zur Unzeit auf, der Elektriker wird für den reichen Kunstsammler gehalten, während der echte Millionär die Kellertreppe hinunterrauscht: ein irrer Spaß, wenn man nicht nach Logik fragt.

In Martin Baums Inszenierung vollzieht sich das Ganze auf Sechziger-Jahre-Mobiliar in einer hübsch realistischen Single-Wohnung (Bühne: Anna Siegrot). Auch Brindsley (Thomas Hatzmann) ist mit schmaler Krawatte und weißem Hemd in den Sechzigern verortet: ein dusseliger Chaot, bei dem offenbar schon vor dem Stromausfall die Sicherungen durchgebrannt sind. Hysterisch weist er das einsilbige Blondchen Carol (Franziska Schubert) zurecht, schimpft auf ihren Vater und bangt um das anstehende Urteil des Kunstsammlers. Als dann das Licht aus-, (mithin für das Publikum an-) geht, gebärdet er sich mit tastend ausgestreckten Händen tollpatschiger, als die Polizei erlaubt. Den soeben in die dunkle Wohnung eintretenden Schwiegervater begrüßt er als „Monster“, weiblichen Besuchern grapscht er an die Brüste, und die Treppe benutzt er fast ausschließlich als Rutschbahn. Der strenge Schwiegervater in spe (Gerhard Palder) – ein herrschsüchtiger Ex-General – versucht derweil im Kasernenhofton für Ordnung zu sorgen, während Nachbar Harold (Tobias Beyer) sich von Carol einen Drink einschenken lässt. Schließlich, findet er, sei nichts schöner, als von einer hübschen jungen Dame „einen gemixt“ zu bekommen. Auf diesem Niveau lacht man zurzeit im Bremer Schauspielhaus.

Dass Volltrottel Brindsley das lange Telefonkabel seinen Gästen versehentlich um die Beine wickelt, dass er sich beim heimlichen Möbelschleppen ein Stuhlbein ins Gemächt rammt, dass die wertvolle Buddha-Skulptur am Ende in Scherben liegt: All das ist so vorhersehbar wie die alljährliche Diskussion um den Theater etat.

Im Dezember die gequälte Heiterkeit des Mauerfall-Spektakels „blühende Landschaften“. Vor einem Monat alberne Mätzchen für Michael-Jackson-Fans. Jetzt die hektische Einstudierung eines belanglosen Schenkelklopfers: Auf der Suche nach einem künstlerischen Profil tappt man am Goetheplatz ebenso im Dunkeln wie die Figuren in Shaffers Komödie. Wenigstens fällt man damit nicht weiter auf in einer Stadt, deren größte Ausstellungen dieses Jahres von einem Leichenplastinator und einem Produkt-Dekorateur bestritten werden. In der Bremer Kulturszene ist ein Stromausfall nicht zu besorgen: Bald macht ohnehin der Letzte das Licht aus. Gute Nacht dann auch.

Weitere Vorstellungen: am 5., 8. und 10. Juni, jeweils um 20 Uhr, sowie am 6. Juni um 18 Uhr im Neuen Schauspielhaus.

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