Künstlerhaus Bremen in digitalen Gefilden

Herrscher über Triebe und Leben

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Per Datenbrille in Evas Gebärmutter: Im Künstlerhaus Bremen untersucht Sidsel Meineche Hansen die Mechanismen der Illusionsindustrie.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Gegen die Einsamkeit hilft Turbosquid. Das amerikanische Unternehmen ist auf die Konstruktion dreidimensionaler Menschenmodelle spezialisiert: Avatare, die der Industrie für Computerspiele und Werbefilme oder aber auch als Gespielinnen für imaginäre Sexabenteuer zur Verfügung stehen. - Von Johannes Bruggaier.

„Eva v3.0“ ist eine solche Puppe des Digitalen, ausgestattet mit langen Beinen und beachtlicher Oberweite. Ihre Besitzerin heißt Sidsel Meineche Hansen und ist eine dänische Künstlerin. Sie hatte sie einst adoptiert, um mit ihrer Hilfe Mechanismen der Pharmaindustrie zu reflektieren. Übrig geblieben von diesem Abenteuer ist eine beträchtliche Narbe auf der Bauchdecke. Jetzt liegt „Eva v3.0“ im Künstlerhaus Bremen breitbeinig auf einem digitalen Bett – sichtbar nur für Besucher, die sich eine spezielle 3D-Datenbrille aufsetzen. Wer sich hierzu bereiterklärt, erlebt Befremdliches.

Zu ohrenbetäubenden, bedrohlichen Klängen übt sich die schöne Eva eifrig im Masturbieren. Ihr Betrachter darf sie dabei zunächst aus ihren eigenen Augen heraus beobachten, ehe ihn die Datenbrille über den Körper hinweg direkt vor die Scham fliegen lässt und schließlich sogar ganz hinein in die Gebärmutter. Erregend ist das nicht, allenfalls furchterregend.

Vielleicht ist es aber auch tatsächlich fürchterlich, wie Begierden zur Währung einer Illusionsindustrie mutieren und wie diese Industrie es versteht, mit der Konstruktion von Scheinidentitäten die Befriedigung unserer Sehnsucht nach menschlicher Nähe, Interaktion, Gemeinsamkeit vorzugaukeln. Mehr noch: Es ist eine Industrie, die virtuos auf der Klaviatur unserer Urtriebe spielt, wie das Dreigestirn der Firmensymbole an der Wand verrät. Zu sehen ist dort das Logo des „Eva v3.0“-Produzenten selbst neben jenen der Unternehmenstöchter: eine Plattform für die Pornobranche sowie eine Produktionsfirma für Jagdfilme. Wer den Jagdhunger zu stillen vermag, so lässt sich diesem Firmengeflecht entnehmen, der hat auch die sexuelle Befriedigung seines Publikums im Griff. Und wer diese beiden Urtriebe des Menschen so einfach per Mausklick bedienen kann, der wird sich in einem kapitalistischen System früher oder später wohl auch zum Herrscher über die Menschheit aufschwingen.

Das ist mit Blick auf jüngste Entwicklungen in der IT-Branche durchaus eine realistische Betrachtung. Allerdings bleibt Hansens digitale Installation auf dieser Erkenntnis dann auch stehen: Eine weiterführende Untersuchung von Bildern weiblicher Sexualität und männlichen Erwartungen findet nicht statt.

Bis 28. Juni im Künstlerhaus Bremen, Am Deich 68-69. Öffnungszeiten: Mi.-So. 14-19 Uhr.

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