Benedikt von Peter zerpflückt in Bremen Puccinis Opernhit „La Bohème“

Künstlerexistenzen auf erbärmlichstem Niveau

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Die männlichen Darsteller der Bremer „Bohème“ hatten streckenweise richtig Spaß, im Parkett hielt sich die Freude über das Bühnengeschehen in Grenzen: (v.l.) Luis Olivares Sandoval, Raymond Ayers, Patrick Zielke und Christoph Heinrich. ·

Bremen - Von Ute Schalz-LaurenzeEine Aufführung, die die Zuschauer spaltet: Spannender kann Theater nicht sein. Neben der einhelligen Begeisterung für die musikalische Wiedergabe durch die Bremer Philharmoniker unter der Leitung von Markus Poschner – gut konnte unmittelbar nach dem letzten Ton ein „Bravo Maestro!“ platziert werden – wurde die Szene von Benedikt von Peter mit vielen Buhs quittiert. Ebenso viele Bravos antworteten darauf.

Die Aufregung galt Giacomo Puccinis vierter Oper „La Bohème“, einer der meistgespielten Opern überhaupt. Natürlich konnte man von dem neuen Spielleiter der Oper in seiner vierten Bremer Arbeit kein romantisches Spitzweg-Milieu in der Dachstube erwarten. Man konnte auch nicht eine wirkliche Liebesgeschichte zwischen Mimi und Rodolfo erwarten und auch nicht eine allzu lebenslustige Musetta, die dem Maler Marcello den letzten Lebensnerv raubt.

Von Peter zeigt uns vier arme, in ihren Künsten vollkommen erfolglose Männer, die in ihrem Leben nur noch Leere totschlagen, narzisstisch und pubertär – und am Ende mit einem fast Gustav-Mahler-haften Nihilismus. Neben dem Dichter Rodolfo und dem Maler Marcello sind noch der Philosoph Colline und der Musiker Schaunard dabei. Der Blödsinn, mit dem sie die Zeit totschlagen, findet auf niedrigstem Niveau statt: sie machen sich permanent an, reden nur Müll und besprühen sich gegenseitig mit Farbcartouchen.

Dies ist durchaus der kraftvoll zerrissenen, auch fragmentarischen Musik Puccinis zu entnehmen. In diesem sich selbst spiegelnden Elend haben natürlich richtige Frauen keinen Platz. So sagt denn auch Rodolfo über die ersehnte Mimi, sie sei die Poesie und Marcello malt nur noch Musettas. Projektionen sind sie, Lebenshilfen für die zutiefst verkorksten Männer. Entsprechend sind sie nicht da, sondern singen aus der Seite. Vielleicht überzieht von Peter die Darstellung der Öde. Denn im zweiten Akt, eigentlich mit dem Café Momus als Schauplatz, geht die banale Farbspritzerei auch ohne Bühnenbildwechsel weiter, bis es langweilt. Man kann‘s auch anders sehen: So schrecklich ist es nun mal, es soll uns zugemutet werden.

Packend jedenfalls der Umschlag in den Ernst, wo auf einmal zuerst Rodolfo kapiert, dann Colline, der dem Allerblödesten, dem Musiker Schaunard, angesichts der nun auch in der Funktion für den Dichter der sterbenden Mimi sagt: „Du gehst jetzt besser“. Da scheint Mimi, komponiert als Projektion des Dichters, durch die Intensität und Klangschönheit der Stimme von Nadine Lehner auf einmal zu einer wirklichen Person heranzureifen.

Markus Poschner gelang es, diese geträumten Stellen, das Duett und die Arien im ersten und im vierten Akt – klanglich durch nie so gehörte Pianissimostrukturen in eine vollkommen andere Atmosphäre zu versetzen, sozusagen die dialektische Gegenwelt zur krassen und deftigen Welt der Männer zu schaffen: Das kann man nicht besser machen.

Luis Olivares Sandoval als Rodolfo: makellos der Gesang und glaubwürdig die Dichtergestalt, der Gast Raymond Ayers als doch noch ein wenig sensibler Marcello, Christoph Heinrich als ständig powernder Colline. Und von besonders selbstverliebter Dummheit und Komik ist Patrick Zielcke als Schaunard. Marysol Schalit: keine femme fatale, sondern ebenfalls Geist – vielleicht auch das Provokation für die Buhs. Ein ebenso kontroverser wie großartiger Theaterabend, der erneut zeigt, wie dringlich das Weiterdenken und das szenische Experimentieren in der Oper ist.

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