Einlass nur über Leichen

Künstler protestieren gegen Volksbühnen-Intendant Dercon

Proteste an der Volksbühne. - Foto: Gebhart

Berlin - Von Volker Gebhart. „Nur über meine Leiche“. So steht es geschrieben auf den Papieren, die vor ihren scheinbar leblosen Körpern liegen: Fünf Aktionskünstler haben sich vor den Eingangstüren der Berliner Volksbühne positioniert. Wer hinein will ins Theater, muss über sie steigen oder sich an ihnen vorbei manövrieren. Bei der Aktion handelt es sich um den neu zugespitzten Protest gegen Chris Dercon, den Nachfolger des langjährigen Intendanten Frank Castorf.

Die Kritik an dem Intendanten ist auf einem Flugblatt zusammengefasst: Dercon habe mit dem Prinzip Ensemble und Repertoire gebrochen. Obwohl er ständig das Gegenteil behaupte. Die Verfasser des Schreibens und somit Autoren der Aktion bezeichnen sich als „ehemalige Zuschauer und Mitarbeiter der Volksbühne“. Ihr Vorwurf: „Das modernste Ensemble-Theater Europas wurde durch eine undemokratische SPD-Hinterzimmer-Mauschelei vom Musikveranstalter Renner dem Ausstellungsveranstalter Dercon zur Zerschlagung ausgeliefert.“

Nicht nur vor dem Theater wird die Ausrichtung des Hauses diskutiert. Die Tageszeitung „Die Welt“ bringt in ihrem jüngsten Artikel zur Debatte um die künstlerische Leitung des Hauses mit Armin Petras und Matthias Lilienthal bereits die Namen möglicher Nachfolger ins Spiel. 

Ungeachtet dessen war auf der Bühne am Abend des Protests Albert Serras Inszenierung Liberté zu sehen (die Dercon Gegnerschaft rät hierzu zynisch auf Flyern: „Lieber Tee“). Das Stück ist beim Großteil der Kritiker und zumindest bei Teilen des Publikums durchgefallen. Dabei war Dercon mit der Verpflichtung des katalanischen Filmemachers Serra („Der Tod von Ludwig XIV.“), Visconti-Schauspieler und Ex-Weltstar Helmut Berger („Ludwig II.“, „Die Verdammten“) und Fassbinder-Darstellerin und Chanson-Sängerin Ingrid Caven („Liebe ist kälter als der Tod“), ein Coup gelungen.

Unerfahrene Schauspieler nicht immer eine Bereicherung

Serras experimentelles Stück um eine Gruppe Libertins, die 1774 dem ultrakonservativen französischen Hof entkommt und eine Philosophie nach Deutschland exportieren will, vermittelt in den besten Momenten den Eindruck, das Geschehen spiele sich innerhalb eines klassischen Gemäldes ab.

Schauspielerisch ist da allen voran Helmut Berger, der zwar den meisten Teil des Abends hinter vorgezogenem Vorhang in einer Sänfte weilt und deshalb kaum zu sehen ist, sich aber als meisterhaft in der facettenreichen dramatischen Darbietung seines Textes erweist. Es ist Bergers schauspielerische Leistung, die auch von der Rückseite des Vorhangs aus mit Sprache allein Tiefe und Intensität zu erreichen weiß und dabei einen echten Nachhall erzeugt. Daneben gibt es zahlreiche Längen und Wirrungen. Serras Konzept mit einigen Darstellern zu arbeiten, die vorher kaum oder keine Bühnenerfahrung hatten, funktioniert dabei oftmals nicht. Obwohl es in „Liberté“ um die Lust geht, mangelt es trotz beindruckender Kulisse ausgerechnet an dieser. Die Darbietung wirkt an diesem Abend oftmals leidenschaftslos.

Während es nicht klappt, auf Anfrage bei der Pressestelle der Volksbühne ein Interview mit Berger zu arrangieren, da dessen „Zeit vor den Auftritten sehr knapp ist“, gelingt es nach der Vorstellung doch noch kurz, ihm eine Frage zu stellen. Ob er denn seiner Theaterarbeit folgend jetzt auch wieder Filme machen wird. „Ja, selbstverständlich“, sagt Berger. Dann gewohnt provokativ, weil Berger eben Berger ist: „Ich bin ja noch nicht tot.“

„Liberté“, Volksbühne Berlin, nächste Vorstellungen: 2.5. und 3.5., 19.30 Uhr

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