„Das demokratische Zeitalter“: Jan-Werner Müller hat die politischen Ideen im Europa des 20. Jahrhunderts zusammengetragen

Künftig nur noch ohne den Mantel der Weltgeschichte

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Kreiszeitung Syke

Syke - Von Johannes BruggaierDie jüngste Idee ist gerade mit ihrer eigenen Beerdigung beschäftigt. Demokratie als Alltagsritual, realisiert per Mausklick: Was mit dem Niedergang der Piratenpartei zu Grabe getragen wird, liest sich wie ein Epilog zur Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts.

Eines Jahrhunderts, das die Mitbestimmung zum Prinzip erhoben und damit dem antiken Modell einer „Herrschaft des Demos“ zu seinem grandiosen Comeback verholfen hat.

„Das demokratische Zeitalter“ ist denn auch Jan-Werner Müllers „politische Ideengeschichte Europas im 20. Jahrhundert“ betitelt: ein Buch, das die so gewaltige wie vielfältige Fülle an – mal Gedankenspiel gebliebenen, mal Staatsform gewordenen – Ideologien zu fassen versucht. Dass der Autor sich darüber hinaus implizit zum Ziel setzt, all diese Strömungen als Abbild und Ausdruck eines demokratischen Prinzips zu verstehen (jedenfalls von Ende des Ersten Weltkriegs an), erscheint da schon fast wie eine Überforderung. Denn wie lässt sich von „Demokratie“ sprechen in einer Zeit des stalinistischen Terrors? Oder gar der Hitler-Diktatur?

Zunächst einmal, indem man sie auf ihren Adressaten reduziert: das Volk. Überzeugend legt Müller dar, warum sich die Monarchie selbst abschaffte und ihre Autorität ein für allemal verspielte. Weil Monarchen nicht zuletzt im Ersten Weltkrieg sich als ineffektiv offenbarten, solange sie nicht selbst eingriffen, als inkompetent aber, sofern sie es doch einmal taten. Die Staatsform der Republik gewann als Folge dieses Versagens zum ersten Mal in der Geschichte Europas die Oberhand.

Politik musste fortan nicht eine Elite, sondern das Volk in den Blick nehmen. Selbst dort, wo sich nicht die liberale Form der Mitbestimmung etablierte, galt es für die Machthaber, wenn schon nicht tatsächliche Demokratie zu ermöglichen, so doch wenigstens „auf der Klaviatur demokratischer Werte“ zu spielen. Macht war nun nicht mehr durch Gott legitimiert, sondern durch den Demos: Auch Diktatoren konnten sich diesem Anspruch nicht entziehen.

Der Umbruch betraf nicht allein die Umstrukturierung eines Machtgefüges. Er vollzog sich auch in der Verschmelzung von Wirtschaft und Staat sowie von ethnischen Gruppen. Das stellte die Demokratie-Debütanten vor eine gewaltige Herausforderung. In den Zwangsdeportationen christlicher Griechen aus der Türkei und muslimischer Türken aus Griechenland 1923 zeigte sich das Bemühen, dieser Herausforderung mit einem quasi-monarchistischen Demokratieverständnis zu begegnen. Wenn das Volk bestimmen soll, so lautete damals die logische Schlussfolgerung, muss man sich eben das zur Politik passende Volk zu organisieren: ein Gedanke, der sich bei Lenin wiederfindet, der offen über die Behebung von Defiziten des Nationalcharakters fabulierte.

Es waren Zeichen der Hilflosigkeit in einer Situation, zu deren Einschätzung den Akteuren schlicht die historischen Bezugsgrößen fehlten. Nur wenige waren so hellsichtig wie Max Weber, der die beständig wachsende Bürokratie und die Demagogie von Politikern als die eigentlichen Gefahren für das demokratische System definierte.

Indem Müller den Faschismus wie den Stalinismus als fatale Antworten auf diese Hilflosigkeit deutet, zeigt er unvermutete Verwandtschaften auf. Der Stalinismus mit seiner streng ausgearbeiteten Theorie mag in vielfacher Hinsicht wie ein Gegenentwurf zum irrationaleren Faschismus wirken (dessen Theoretiker wie Georges Sorel vergleichsweise geringe Beachtung fanden). Und doch zeigt sich allein in der Radikalität eine unvermutete Parallele: Wo hier die Reinheit der Lehre über allem stand, war dort die Reinheit der Rasse oberstes Gebot.

Es sind Erkenntnisse wie diese, die aus Müllers Sammlung politischer Ideen und Experimente herausragen: das bewusst administrativ begründete Projekt der europäischen Gemeinschaft als Ausdruck von Skepsis gegenüber der Masse etwa, oder auch die RAF als Farce auf die deutsche Geschichte.

Mit Niklas Luhmann schließlich kehrt in die politische Ideenschmiede Ernüchterung ein. Für Sinnstiftung sieht der Bielefelder Soziologe keinen Platz, Überzeugungstäter schaden der Demokratie seiner Ansicht nach mehr als sie ihr nützen. Francis Fukuyama glaubt schließlich gar, das Ende der Geschichte sei gekommen: eine These, die nicht als Absage an jegliche Konflikte zu verstehen ist, sondern lediglich als Ende der politischen Innovation. In der gegenwärtigen Flut von Vorsilben wie „neo“ und „post“, schreibt Müller, finde diese These ihre Bestätigung. Wirklich neue Begrifflichkeiten seien nurmehr die Ausnahme. Jedoch: Hat der Autor da die Folgen der technischen Entwicklung bedacht? Nicht zuletzt das Phänomen Piratenpartei lässt diesbezüglich Zweifel aufkommen.

Nichts destoweniger stellt sich Müllers ideengeschichtliches Kaleidoskop als zwar herausfordernde, aber durchaus anregende Lektüre dar. Und für die künftigen Akteure der europäischen Politik mündet sie sogar in eine erfreuliche Botschaft. Eine derart umfangreiche Theoriebildung wie im 20. Jahrhundert nämlich können sie sich einfach schenken. Eigene Vorschläge „in den Mantel weltgeschichtlich wirksamer Ideologien zu kleiden“: Diesen Anspruch, glaubt Müller, werde in einer zusehends pragmatischer geprägten Gesellschaft wohl niemand mehr erheben.

Jan-Werner Müller: „Das demokratische Zeitalter – Eine politische Ideengeschichte Europas im 20. Jahrhundert“, Berlin: Suhrkamp Verlag 2013; 519 Seiten; 39,95 Euro.

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