Kristina Veit und Ksenia Ravvina zeigen „Rockinsong“in der Bremer Schwankhalle

Theaterschlaf verhindert

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Kristina Veit (vorne links) und Andreas Merk tanzen ein Wiegenlied.

Bremen - Von Rolf Stein. Das Wort „rocken“ hat eine eigenartige Karriere hinter sich. Spätestens seit sogar in mancher Redaktion als höchstes Lob gilt, dass beispielsweise eine Seite „rockt“, müsste man sich eigentlich ernste Sorgen machen. - Von Rolf Stein.

Dabei, das zeigt der schnelle Blick ins Wörterbuch, bedeutet „to rock“ im Englischen zunächst einmal wiegen, schaukeln, schwanken. Gewiss liegt es in der Natur der Sache, dass sich die Bedeutungen von Worten mit der Zeit verschieben. In diesem Fall geschah das nicht zuletzt über die Liaison mit „to roll“, in Kombination übrigens ein umgangssprachlicher Ausdruck für den Beischlaf, der bekanntlich zum Namen einer Musikrichtung wurde.

Als Wiegenlied haben die Choreografinnen Kristina Veit und Ksenia Ravvina ihr „Rockinsong“ angekündigt, das sein Publikum am Freitag und Samstag in der Schwankhalle in Bremen in je rund 40 Minuten an die Grenze zwischen Wachen und Schlafen führen soll, und bleiben dabei dicht an der engeren Bedeuteung des „Rockens“. Und für ein bisschen Powernapping müsste das eigentlich genügen. Allerdings ist dann doch etwas zu viel los auf der Bühne, um wirklich zu schlafen. Zu viel auch, was, weil es an schlaflose Nächte neben röchelnden Zimmergenossen erinnert, durchaus auch komisch wirkt, selbst wenn oder vielleicht gerade weil der Duktus der Performance sehr diszipliniert wirkt, mit einem langsamen, durchgehaltenen Tempo, das insofern an japanische Butoh-Tanzkunst erinnern könnte. Nur dass jener „Tanz der Finsternis“ eine ganz andere Dunkelheit meint als die Nacht, die bekanntlich nicht nur zum Schlafen da ist. Dabei gibt es in „Rockinsong“ durchaus Momente, vielleicht sprechen wir im Zusammenhang mit Schlaf besser von Phasen, die albtraumhaft wirken, wenn die Performer Kristina Veit und Andreas Merk ihre Körper so weit nach hinten beugen, dass wir ihre Gesichter über Kopf sehen, und sich dann – in geradezu zombiehafter Langsamkeit – auf uns zubewegen.

Es ist wahrscheinlich weniger paradox als symptomatisch, dass es genau diese Langsamkeit ist, die eine Spannung induziert, die Theaterschlaf wirkungsvoll verhindert. Wir als Publikum sind es schließlich gewohnt, dass etwas passiert, das es zu verfolgen gilt, zu entschlüsseln, zu verarbeiten. Und auch wenn erst einmal fast nichts geschieht, erwarten wir doch eine Auflösung.

Eine solche verweigert „Rockinsong“ allerdings konsequent. Zwar lässt sich durchaus ein dramaturgischer Bogen beschreiben: Dieses Wiegenlied beginnt mit leisen Atemgeräuschen, es folgt das ganz und gar unspektakuläre Erscheinen der Performer auf der Bühne, die derweil weiter röcheln, schnarchen, eine in Schwankungen vollzogene Bewegung durch den Raum vor einem großen weißen Viereck, das an eine große Matratze erinnern könnte, später begeben sich Veit und Merk in eine Sequenz, in der sich die beiden wechselseitig aneinanderlehnen und auf ihren Rücken tragen. Zum Ende hin wird es ganz allmählich dunkel.

Mehr Auflösung gibt es hier nicht – und mehr ginge wohl auch nur im echten Schlaf, der, wie Schopenhauer ihn nannte, als „kleiner Bruder des Todes“ zumindest das Bewusstsein abschaltet. Den Schlaf selbst gestattet uns dieses Wiegenlied dann also doch nicht. Aber sie schafft ein Bewusstsein für den befreienden Charme des Zustands zwischen Wachen und Schlafen.

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