„Für die Vögel“: Kunststudenten enthüllen in Syke das wahre Gesicht der Natur

Krieg im Garten

Eintritt in eine künstliche Welt: Fritz Vehrings Studenten erkunden in seinem Garten das Geheimnis des Vogelsangs.

SYKE-HENSTEDT (Eig. Ber.) n Nur Insider finden die Hausnummer 16 der Henstedter Straße. Ein unscheinbarer Feldweg führt zu einem Grundstück, auf dem sich eine der wohl größten privaten Gartenanlagen der Region befindet.

In ihrer Mitte steht der Besitzer: Fritz Vehring, Professor für Keramik an der Bremer Hochschule für Künste (HfK). Es regnet, der Rasen ist sumpfig. „Natürlich sollte zur Ausstellungseröffnung schon die Sonne scheinen“, sagt er, schüttelt die grauen Locken und schaut verdrießlich auf seine Gummistiefel. Immerhin auf die Fauna ist Verlass: Trotzig singen die Vögel gegen den Regen an. Ihnen ist schließlich die interdisziplinäre Schau unter freiem Himmel gewidmet.

Es ist die Neuauflage einer vier Jahre alten Idee. Damals, als die HfK einen Beitrag zum „Jahr der Wissenschaften“ liefern sollte, erinnerte sich Vehring an ein Zitat des Komponisten John Cage. Mit den Käfigen, so hatte dieser einst in Anspielung an seinen eigenen Nachnahmen erklärt, könne er nicht sonderlich viel anfangen; er halte es mehr mit den Vögeln. Und weil Vehring dem 1992 verstorbenen Künstlerkollegen darin zustimmen mag, beschloss er, eine Veranstaltung „für die Vögel“ zu initiieren.

Anders als geplant wurde es schließlich ein Projekt der Lehrenden, nicht der Studenten – was vor allem den strukturellen Rahmenbedingungen im „Jahr der Wissenschaft“ geschuldet war. Jetzt, vier Jahre später, sind die Studenten gefordert: Die Schau „Für die Vögel II“ vereint in Vehrings Garten Plastiken, Installationen und Performances aller Art.

„Der Anblick von Vögeln erweckt in Künstlern immer wieder eine Sehnsucht“, sagt der Kunstprofessor und deutet in die Baumkrone, die sich über seinem Haupt ausbreitet. Eine ganze Schar von drahtgeflochtenen Krähen hängt dort im Geäst; bereit, sich in Hitchcock-Manier auf den nächsten Besucher niederzustürzen. „Wir sehnen uns danach, so frei fliegen zu können wie die Vögel. Zugleich aber sehen wir sie auch als Bedrohung.“ Dann etwa, wenn der leberfressende Adler bei Prometheus die Organentnahme nach antiker Art besorgt – oder dann, wenn Ikarus allzu viel der Vogelfreiheit genießt und in den Abgrund stürzt. Auch die Kunst, sagt Vehring, ringe immer wieder um Freiheit und provoziere gerade dadurch das Scheitern. So gesehen ist Freiheit kein Ideal, sondern nicht mehr als ein Spannungsfeld zwischen dem Zustand der Sicherheit und jenem des Scheiterns. „Es hat sogar Sklaven gegeben“, sagt Vehring, „die lieber satt in Gefangenschaft lebten als hungernd in Freiheit.“

Wer mit dem Kunstprofessor durch seinen Garten schlendert, verliert schnell so manche Illusion einer harmonisch-friedlichen Natur. „Schauen sie dort“, ruft er und zeigt auf einen kleinen weißlichen Hügel: eine Ansammlung von Hahnenköpfen, jeder einzelne säuberlich abgeschnitten.

Die Menschen, sagt Vehring, glaubten immer, dass das fröhliche Gezwitscher in den Bäumen zu ihrer Freude geschehe. Weit gefehlt. „Mit ihrem Gesang sichern sich Vögel ihr Revier und vertreiben Rivalen: eine klangliche Form der Kriegsführung.“ Unter einer weinbewachsenen Pergola wird das Zwitschern und Trällern plötzlich lauter. Unnatürlich laut. Und vor allem: unnatürlich schrill. Vier Boxen sind um die Pergola platziert, aus ihnen erklingen die Naturgeräusche digital verfremdet. Der Krieg der Vögel: In einer solcherart akzentuierten, aggressiven Komposition enthüllt er sein wahres Gesicht. Erst die Technik, so hat es den Anschein, gewährt dem Menschen einen Blick hinter die so harmonisch anmutende Fassade der Natur.

Oder hinter das, was der Mensch für Natur hält. In Vehrings Garten zumindest ist sie nicht zu finden. Ein Garten, sagt er, sei schließlich „immer ein zutiefst künstliches Gebilde“. So wie die Kunst. Und wie bei ihr besteht auch im Garten jederzeit die Möglichkeit des Scheiterns, des ikarusgleichen Absturzes: dann nämlich, wenn zur Ausstellungseröffnung heute Nachmittag doch wieder der Regen niederprasseln sollte.

„Für die Vögel II“: Eröffnung heute um 16 Uhr. Öffnungszeiten: morgen und am 26. Juli von 11 bis 18 Uhr sowie am 25. Juli von 15 bis 18 Uhr, Henstedter Straße 16, Syke.

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