Johannes Erath inszeniert Janáceks „Das schlaue Füchslein“ an der Hamburger Staatsoper

Im Kreislauf der Natur

Lauri Vasar als „Förster“, Renate Spingler (M.) als „Försterin“ und Hayoung Lee als „Füchslein Schlaukopf“: Provokation für Ausstattungskünstler. ·
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Lauri Vasar als „Förster“, Renate Spingler (M.) als „Försterin“ und Hayoung Lee als „Füchslein Schlaukopf“: Provokation für Ausstattungskünstler. ·

Von Ute Schalz-LaurenzeHAMBURG · Leoš Janáceks rätselhaftes Alterswerk „Das schlaue Füchslein“ (1923) provoziert normalerweise vor allem die Ausstattungskünstler: Die Protagonistin ist eine Füchsin.

Die Gestaltung von stummen und handelnden Waldtieren ist gefordert, da stehen Eule und Dachs auf der Bühne, da fliegen Mücken und Libellen, da quaken Frösche. Das gefangene Füchslein erlebt Abhängigkeit von den Menschen, flieht und demonstriert durch sein authentisches (Liebes)leben, dass die Menschen das Paradies verloren haben: Symbolisch wird es zerschossen, als der Wilderer Harasta das Füchslein erlegt. Der Förster und seine ungeliebte Frau, der Schulmeister und der Pfarrer füllen sich weitgehend mit Bier an. Die heile Welt des Füchsleins – die Liebesszene mit dem Fuchs und anschließender Hochzeit ist eine der schönsten der Operngeschichte – entfaltet immer wieder ihren Zauber gegen die Menschenwelt.

Natürlich aber ist das Geschehen im Wald kein naturalistisches Wunderwerk, sondern die Basis für Projektionen – so ist die Bindung des Försters an die gefangene und wieder entflohene Füchsin der Ersatz für seine verloren gegangene Liebe. Und da konnte die Inszenierung des jungen Johannes Erath, die jetzt an der Staatsoper eine umjubelte Premiere erlebte, mit einer unbeschreiblichen Fülle von psychologisch genauen Gedanken und szenisch sinnlichen Umsetzungen überzeugen. Erath macht vor allem eins: Bei ihm gibt es die Trennung von Menschen- und Tierwelt nicht.

Der am Anfang einschlafende Förster träumt, was dem Regisseur alle Möglichkeiten gibt. Die beiden zentralen Bühnenbilder – der Wald und die Kneipe – sind eins, vorne die Kneipe und hinten der Wald (und der von einer realistischen Schönheit: Katrin Connan). Und eins sind auch die Tiere und die Menschen (fantastische Wesen mit aus den 20er Jahren inspirierten Kostümen von Katharina Tasch).

Mit dieser Idee und ihrer detailgenauen Durchführung gelingt es ihm, den philosophischen Ansatz dieses autobiographischen Werkes – Janácek ist identisch mit dem Förster – zu entfalten. Die Menschen leben im Kreislauf der Natur: So wird das Schlussbild, in dem ganz vorne das tote Füchslein liegt, daneben der Förster stirbt, dahinter das lebende Füchslein sitzt und ganz hinten die Enkelkinder Karten spielen, zum eindruckvollen Konzentrat dieser Kernaussage. Auch wenn man sagen muss, dass die mit der Kneipen- und Waldwelt verwobenen surrealistischen Traumbilder oft schwer zu durchschauen sind. Großartig wird gesungen: Hellen Kwon als ein selbstbewusster und würdevoller Fuchs, leidenschaftlich agierend ist Hayoung Lee als Füchsin. Beeindruckendes Profil in seiner Lebensreflexion zeigte auch der Förster Lauri Vasar, ebenso Peter Galliard als Schulmeister und Florian Spiess als Pfarrer.

Im Feuerwerk dieser Einfälle darf sich die Musik unter der Leitung von Lawrence Foster entfalten, diese wunderbare, der tschechischen Sprache und der Natur nachempfundene Musik, Musik, die oft minutenlang an einem Grundton hängt, keine Kadenzen kennt, Kirchentöne und deren chromatischen Verfärbungen verwendet und kleinste Motive aneinander reiht. Das ist so ausgeklügelt instrumentiert, dass in Hamburg ungemein suggestive Stimmungen bis zu geradezu explodierenden Strahlungen entstehen.

Weitere Vorstellungen am 12., 16., 19., 23., 25., 27. und 29. März in der Hamburger Staatsoper

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