Kraft trifft auf Ideen

Deutsche Kammerphilharmonie Bremen spielt Louise Farrenc

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Bariton Benjamin Appl gibt bei seinem Auftritt mit der Kammerphilharmonie sein Bremer Debüt.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. 14 Bände Musik enthält die Gesamtausgabe der französischen Komponistin Louise Farrenc (1804 bis 1875), die vor einigen Jahren in Bremen durch das Sophie Drinker-Institut entstanden ist. Ihr Werk galt bis dahin offiziell als „verschollen“, wurde aber eigentlich nur geflissendlich übersehen – ein weiteres Kapitel männlicher Geschichtsschreibung. Denn nicht nur Marcel Reich-Ranicki war auch öffentlich der Meinung, dass Frauen in den schönen Künsten nichts verloren haben: „Es traut sich ja heute niemand mehr zu sagen, dass Frauen auf bestimmten Gebieten nicht in der Lage sind, Großes zu leisten. Es hat in der Geschichte keine Frau gegeben, die eine Oper komponiert hat. Frauen können nicht bildhauern und keine Dramen schreiben“. Aha.

Dabei ist Farrencs Lebenswerk durchaus beeindruckend: Komponistin, 30 Jahre lang Professorin für Klavier am Pariser Conservatoire, Pianistin und Editorin. Zusammen mit ihrem Mann, dem Verleger Aristide Farrenc, gab sie den zwanzigbändigen „Trésor des pianistes“ heraus, eine einzigartige Sammlung älterer Klaviermusik von Frescobaldi bis Beethoven. Im Konzert der Deutschen Kammerphilharmonie am Freitagabend, dem 1. Premieren-Konzert, wurde nun Farrencs Sinfonie Nr. 3 g-Moll op. 36 aufgeführt: In seiner schwungvollen Kraft, dem unerschöpflichen Reichtum an formalen Ideen und origineller Instrumentierung ein Werk, das Beethoven und Schumann durchaus ebenbürtig ist – und nicht umsonst von Hector Berlioz bewundert wird.

Der 27-jährige britische Dirigent Duncan Ward dirigiert Farrencs Sinfonie (und auch noch das Menuett der ersten als Zugabe) auswendig, ein mehr als bemerkenswerter Vorgang, wenn man bedenkt, dass nahezu alle „Außenseiter-Sinfonien“ aus den Partituren gespielt werden.

Bejubeltes Finale

Farrencs 1849 uraufgeführte Sinfonie bildet das bejubelte Finale des Konzertes: ihre geradezu wilden Kontraste, ihre immer vorwärtsdrängende Dramatik, ihre wirbelnden Bläserpartien, ihre musikantische Freude und Leichtigkeit, ihre Mendelssohn’sche Elfenhaftikeit formt Ward bestens. Seine Körpersprache entspricht souverän der Musik.

Das gilt auch für die anderen Wiedergaben eines Konzertes, dessen Programm in höchstem Masse originell ist: Es beginnt mit der Wiedergabe der nur in Klavierskizzen vorhandenen 10. Sinfonie von Franz Schubert, deren Trostlosigkeit der Instrumentator Brian Newbould wunderbar akzentuiert und Ward mit unbeschreiblicher Zartheit umsetzt. Dann die Variationen für Orchester op. 30 von Anton Webern, mit denen Ward Weberns romantische Herkunft betont und dankenswerterweise das komplexe Stück zweimal spielen lässt.

Debüt von Bariton Benjamin Appl

Wie sehr Webern noch der Romantik verhaftet war, wird nochmals an der Instrumentierung einiger Schubertlieder deutlich. Den Klavierfassungen mit ihrer oft krassen Nackheit können sie nicht das Wasser reichen, so sehr wirken sie doch atmosphärisch gefühlvoll und fast mildernd. Es ist, als wollte Webern das Trostlose Schuberts mildern.

Der Bariton Benjamin Appl debütiert in Bremen und erinnert noch sehr an den großen Sänger Dietrich Fischer-Dieskaus, dessen letzter Schüler er war. Man darf gespannt sein, wie sehr Appl eigene Akzente weiterentwickeln wird, auffällig angenehm ist die klangschöne Zurückhaltung seiner Darstellung.

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